W W W . O R G O N O M I E . J I M D O S I T E . C O M

 

Facebook-Einträge von David Holbrook, M.D.

 

 

 

 

Emotionen und politische Diskussion

David Holbrook, M.D.

 

I

Ich persönlich verstehe nicht, warum, wenn man mit der Politik von Leuten nicht einverstanden ist, das bedeuten muß, daß man sie nicht mag und daß sie schlechte Menschen sind. Es ist meiner Meinung nach eine sehr engstirnige Sicht auf und Herangehensweise an die menschliche Natur. Aber ich verstehe, daß manche Menschen sich so gründlich mit ihren Überzeugungen identifizieren, daß sie diese nicht lange genug auf Abstand halten können, um das Menschliche in jemandem, dem sie nicht zustimmen, zu sehen und sogar zu schätzen. Schade.

Von meiner Arbeit als Therapeut her habe ich einen Instinkt entwickelt, um zu spüren, wo das „nicht dort Hingehen“ bei Menschen liegt. Im allgemeinen kann man Menschen nur erreichen, wenn man nicht in die Zone des „nicht dort Hingehen“ vordringt. Man muß einen Ort finden, der etwas oberflächlicher ist als diese Zone, oder vielleicht einen Weg finden, der um sie herum führt, wenn man mit jemanden auf eine Weise kommunizieren will, die ihm zeigt, daß man seine Grenzen und seine Subjektivität respektiert – mit anderen Worten man vermeidet ihn zum Objekt zu machen.

Das gleiche gilt für die Politik: es ist eine „nicht dort Hingehen“-Zone. Früher verstanden die Menschen das, wenn sie davor warnten, jemals mit anderen Menschen über Religion oder Politik zu diskutieren.

Im gegenwärtigen Klima gehe ich davon aus, daß es sehr unwahrscheinlich ist, mit jemandem einer anderen politischen Ausrichtung über Politik diskutieren zu können, weil heutzutage für fast jeden Politik im Wesentlichen eine „nicht dort Hingehen“-Zone ist. Im politischen Kontext ist diese Zone ein Ort, an dem, wenn man hineingeht, die andere Person die Perspektive verlieren und deine Menschlichkeit nicht mehr sehen wird. Es ist so eine tragische Verschwendung.

Ich glaube wirklich und zutiefst, daß ein sehr großer Prozentsatz der Menschen den Kontakt mit jeglicher Art von Bewußtsein für unsere gemeinsame Menschlichkeit verloren hat. Für diese Leute BIST du deine Politik. Dies ist meiner Meinung nach ein Fehler. In der Tat ist es die Art von Fehler, die das meiste Blutvergießen in der Geschichte der Menschheit verursacht hat.

Ich kann verstehen, daß wir auf den Gedanken kommen, wir seien unsere Politik, aber ich denke, daß die Leute eine breitere Sichtweise haben müssen. Obwohl die politische Identifikation viel über eine Person aussagt, ist es nicht alles, was man über jemanden sagen oder wissen oder an ihm schätzen kann. Man verstehe es nicht als einen Ausdruck von Sentimentalität, wenn ich sage, daß unsere gemeinsame Menschlichkeit breiter ist als unser politisches Dasein. Ich denke wirklich, daß das wahr ist und für jeden offensichtlich sein sollte. Aber irgendwie ist diese offensichtliche Tatsache – die wir alle bis vor zwei oder drei Jahren oder vielleicht vor etwas länger Zeit zu verstehen schienen – den Menschen abhanden gekommen. Ich denke, daß diejenigen, die dieses Bewußtsein verloren haben, einen langen, harten Blick auf sich selbst richten und sich fragen sollten: „Was ist mit mir passiert?“ Ich denke, sie sollten aufhören, selbstgerecht zu sein und etwas Demut zeigen. Und wenn aus ihrem Geist als Antwort kommt, daß es wegen etwas Politischem ist, ist die betreffende Person meiner Meinung nach verloren und muß sich selbst und andere wiederfinden. Und ich würde das gleiche zu jedem sagen, der auf diesen Eintrag mit irgendeiner Art von Bezug auf Politik antwortet. Ich möchte nicht gemein sein, aber ich denke, du bist verloren, wenn dein Verstand so funktioniert, und ich bedauere dich. Viel Glück beim Finden deiner selbst. Ich meine das nicht auf eine böse Weise.

Wenn man damt anfängt, jemanden wegen Politik anzuschreien, kommuniziert man nicht mit ihm. Man ist mit einer Art autistischer Übung beschäftigt. In gewissem Sinne schreit man vielleicht sich selbst an – vielleicht ist es ein seltsamer Dialog mit den eigenen Dämonen, eine Form von Projektion – aber man kommuniziert sicherlich nicht mit einem anderen Menschen. Man hat eine „nicht dort Hingehen“-Zone betreten, in der keine Kommunikation möglich ist. Ich denke von daher wirklich, daß die Leute sich fragen sollten: „Warum mache ich das?“

 

 

II

Ich bin der Meinung, daß, wenn man seine politischen Ansichten auf der Wirklichkeit gründet, man nicht das Bedürfnis verspürt, zu agitieren oder feindselig zu werden, um sie durchzusetzen. Ich benutze das als eine Art Lackmustest, um zu entscheiden, was ich ernst nehmen bzw. weiter untersuchen und was ich ignorieren sollte. Eine ruhig geäußerte Meinung wird viel eher meine Aufmerksamkeit erregen als eine, die mit hysterischer Emotionalität oder Beleidigungen oder Moralisiererei gegenüber den Gegnern vertreten wird. Ich bin absolut für Emotionen und ihren Ausdruck, aber ich bin nicht für Geschrei, buchstäbliches oder metaphorisches, und generell mißtraue ich Emotionen im Bereich der Politik.

Ich mag die Meute nicht, den Mob. Die Art von Dingen, von denen die Meute schreit, basieren selten auf Vernunft oder Tatsachen. Die Meute gehört zu den Dingen, von denen man sich am besten fernhält. Ich nahm an politischen Demonstrationen teil, als ich ein Teenager war, an denen Hunderttausende von Menschen beteiligt waren. Ich kam schließlich zu dem Schluß, daß es sich im Grunde genommen im Wesentlichen um große Partys und im schlimmsten Fall um Unruhen handelte, und daß eine ernsthafte Person sich davon fernhalten sollte.

Im allgemeinen braucht man nicht über Fakten brüllen. Sie verbreiten sich allmählich von selbst, weil sie durch die Wahrheit angetrieben werden. Sie müssen nicht wirklich als Schlagstock benutzt werden, um Leute den Schädel einzuschlagen, das ist kontraproduktiv. Die Wahrheit wird sich schließlich durchsetzen, wenn die Bedingungen stimmen. Es gibt Gründe, warum sich die Wahrheit nicht immer wie ein Lauffeuer ausbreitet. Die Menschen werden auf die Wahrheit hören, wenn sie dazu bereit sind, und man wird die Menschen wahrscheinlich eher überzeugen, wenn man ruhig, großzügig und wohlwollend vorgeht. Das Medium ist die Nachricht. Edle Ziele rechtfertigen keine unwürdigen Mittel.

Was, wenn man die Fakten hat, aber niemand zuhört, könnte man fragen. Meine Antwort lautet, daß es bei Agitation viel weniger wahrscheinlich ist, daß Menschen ein Gehör für die Fakten haben, über die man mit ihnen ins Gespräch kommen will. Je ruhiger die Aussage ist, desto wahrscheinlicher werde ich annehmen, daß sie in der Realität begründet ist und möchte mich weiter damit beschäftigen. Die Tatsache, daß die Person, die die Aussage macht, nicht das Bedürfnis verspürt, etwas anzupreisen oder ihre Meinung jemanden aufzudrängen, beeindruckt mich und vermittelt mir den Eindruck, daß es wahrscheinlicher ist, daß das, worüber gesprochen wird, in der Realität begründet ist, so daß es mein Interesse weckt. Agitation oder Feindseligkeit hat den gegenteiligen Effekt. Je agitierter die Aussage ist, desto eher gehe ich davon aus, daß sie auf Voreingenommenheit beruht, nicht auf Fakten. Voreingenommenheit erfordert definitionsgemäß eine emotionale Investition. Die Aufmerksamkeit auf die Realität zu richten wird hingegen leichter durch einen ruhigen Geisteszustand sowohl im Individuum als auch zwischen den Individuen. Fakten stehen für sich selbst ein, man muß keine Schreierei über sie veranstalten und es ist weniger wahrscheinlich, daß sie Menschen aufgezwungen werden müssen, im Gegensatz zur Voreingenommenheit, die den Einsatz von Gewalt für ihre Durchsetzung erforderlich macht. Wenn man überzeugt ist, die Fakten auf seiner Seite zu haben, aber niemand auf dich zu hören scheint, dann sollte man sich fragen, was die Menschen daran hindert zuzuhören. Das wäre ein vernünftiger Ansatz. Allgemein gesagt, ist es so, daß, wenn man Leute bedrängt, sie sich dessen erwehren, statt zuzuhören. Bedrängen ist demnach generell kontraproduktiv. Wenn du versuchst, jemanden von etwas zu überzeugen, wird das Beleidigen definitiv nicht funktionieren! Wenn sich etwas Faktisches nicht angemessen ausbreitet, bedeutet das, daß es eine andere Tatsache gibt, die seine Verbreitung verhindert, und man sollte versuchen rational herauszufinden, was diese Tatsache ist. Cartoon-hafte Meinungen oder Fantasien über den Gegner lassen dich nur dumm aussehen.

Wann hast du zum letzten Mal gesehen, daß jemand gleichzeitig rational und agitiert war? Agitation ist ein Zeichen von Verwirrung. Menschen, die einen guten Zugang zu den Fakten haben, müssen gemeinhin nicht in Wallung geraten. Wenn sie auf ein Hindernis stoßen, werden sie sich zurückziehen, über die Situation nachdenken und versuchen, einen besseren Weg zu finden, um die Leute zu erreichen.

 

 

III

Ich denke, die Dinge, die uns als Nation zusammenhalten, sind wichtiger als die Dinge, die uns trennen. Ich weiß, das hört sich abgedroschen und stereotyp an, aber ich denke, es ist eine äußerst wichtige Tatsache, hinsichtlich der die Menschen die Perspektive vollkommen verloren haben.

Ich liebe das Internet und Smartphones, aber dank ihrer können wir uns selbst balkanisieren, so daß wir nie nachsinnen brauchen oder mit jemandem sprechen oder zusammensein müssen, der sich in irgendeiner Hinsicht von uns unterscheidet. Das Ergebnis ist intellektuelle Masturbation und emotionaler Inzest.

Obwohl diese Balkanisierung in gewisser Weise destruktiv ist, hat sie auch einige gute Seiten. Sie ermöglicht es uns, unser individuelles Verständnis der Dinge zu verfeinern. Aber die Menschen fühlen sich nun bemüßigt sich gegenseitig wie komplette Arschlöcher zu behandeln, weil wir jetzt alle miteinander über das Internet sprechen können, ohne einander zu begegnen. Nun reden alle, auch wenn sie Angesicht zu Angesicht stehen, miteinander, als würden sie twittern. Was wichtig ist, ist unsere demokratische Republik. Das ist wichtiger als eine bestimmte politische Partei. Sie funktioniert so – und ich sollte das nicht erklären müssen – daß keine Partei für immer dominieren kann. Wenn deine Seite vorübergehend verliert, werde erwachsen.

Historiker haben gesagt, daß das politische System Amerikas mit Absicht so konzipiert ist, daß es einer Seite unmöglich ist, eine zu lange Vorherrschaft zu gewinnen und zu behaupten. Es wurde gesagt, daß es so eingerichtet wurde, damit wir eine nicht enden wollende politische Debatte haben. Es ist das Disputieren selbst, das im Mittelpunkt unserer politischen Lebensweise steht – es geht nicht darum, wer zu einer gegebenen Zeit gewinnt, sondern um die Fortsetzung der Diskussion. Das ist unser politisches System und das Geniale daran. Eine Debatte. Das Gewinnen ist nicht das Wichtigste. Das Überleben unseres politischen Systems mit seinen Kontrollmechanismen ist das Wichtigste.

Wenn Leute anfangen, sich gegenseitig als böse zu bezeichnen, weil jemand eine andere politische Meinung hat als du, zerstörst du persönlich die Demokratie und du hast die Perspektive verloren.

Ich denke, wir sollten eine energische politische Debatte führen, und ich denke, es ist in Ordnung, kritische Dinge über einzelne Politiker zu sagen. Aber ich denke nicht, daß es in Ordnung ist, die Menschen, mit denen man politisch nicht übereinstimmt, als böse zu bezeichnen (zumindest in den Vereinigten Staaten im Jahr 2018). Ich denke, das ist unreif, unverantwortlich, gefährlich und signalisiert völliges Unverständnis.

Die Debatte sollte sich größtenteils auf eine bestimmte Politik beziehen. Gegenwärtig geht es bei fast keiner Debatte um eine bestimmte Politik. Es ist alles eine Schlammschlacht, Rufmord, „du hast damit angefangen“, hinterlistige Tricks und die endlose Instrumentalisierung von Diskussionen, die als Platzhalter für die echte Diskussion dienen, die sich auf eine bestimmte Politik und kaum etwas anderes beziehen sollte. Das amerikanische Volk ist nicht so dumm, wie viele an der [Ost- und West-] Küste [also in den Machtmetropolen] glauben. Es gibt viele Leute, die nicht so artikuliert sind wie andere, aber das bedeutet nicht notwendigerweise, daß sie weniger aufmerksam sind. Und es gibt so etwas wie den gesunden Menschenverstand.

Ja, ein bestimmter Kandidat oder eine bestimmte Partei kann sich vorübergehend einen Vorsprung durch negatives Auftreten verschaffen, aber ich glaube, daß auf lange Sicht die meisten Amerikaner das durchschauen und daß bestimmte politische Positionen das sind, was ihnen wirklich wichtig ist. Ich denke, daß die Negativität auf lange Sicht nach hinten losgeht, und wir haben viele, viele Beispiele dafür gesehen.

Auf allen Seiten herrscht Aggression. Manchmal ist sie relativ offen und deutlich sichtbar; zu anderen Zeiten ist sie gut verborgen unter einer Schicht von Unaufrichtigkeit und Heuchelei. Ich denke, die Heuchler unterschätzen auch die Fähigkeit der Amerikaner ihr Tun zu durchschauen.

Ich wünschte, die Leute würden aufhören, sich wie ein Haufen Kinder zu streiten. Es ist widerlich und verachtenswert. Werdet erwachsen, Leute! Wir machen uns alle schuldig – wir alle ziehen mit unseren Landsleuten hinter dem Rücken und außer Hörweite der Gegenseite über diese her. Und wenn wir schließlich miteinander reden, ist es nicht konstruktiv einfach nur die Antagonismen zu pflegen.

Menschen sollten immer eine gesunde Skepsis gegenüber ihren eigenen Überzeugungen haben. Absolute Sicherheit ist das Zeichen eines Idioten. Wenn du ein Thema nicht besprechen kannst, ohne emotional zu werden und zu denken, daß die Gegenseite böse ist, solltest du einfach den Mund halten. Diese Art von Idiotie und Aggression ist zersetzender als jede einzelne Politik oder Kampagne je sein könnte. Laß das System seine Arbeit tun. Es ist klüger als du. Es hat mehr als 200 Jahre bestanden. Unterschätze es nicht und zerstöre es nicht.

 

 

zuletzt geändert
02.03.19

 

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