W W W . O R G O N O M I E . J I M D O S I T E . C O M

 

Facebook-Einträge von David Holbrook, M.D.

 

 

 

 

Emotion, Sensation, Kognition

David Holbrook, M.D.

 

„Anoesis“ wird als Geisteszustand definiert, „der aus dem Fühlen einer Emotion ohne kognitiven Inhalt besteht“.

Ich persönlich würde es so ausdrücken: das Erleben von Emotionen, ohne sofort oder möglicherweise sogar jemals zu wissen, „worum es geht“. Die Emotion nur tolerieren, ihr vertrauen und ihr erlauben sich zu offenbaren. Ich stelle mir Gedanken tatsächlich als eine Form von Sensation vor, die sich in gewisser Weise antithetisch zur Emotion verhält, die hauptsächlich eine Körpererfahrung ist.

Die Psyche lebt im Soma. Sie sind durch das autonome Nervensystem miteinander verbunden.

Ein Beispiel dafür, warum ich die Begriffe „Emotion“ und „Sensation“ als Gegensatz verwenden würde, ist, was wir bei der Konversionsreaktion sehen: Emotion wird in Sensation umgewandelt. Zum Beispiel eine Hand, bei der alle Finger taub sind; ein Phänomen, das anatomisch praktisch unmöglich ist, da die Finger von drei verschiedenen Nerven innerviert werden, von denen höchstwahrscheinlich nicht alle gleichzeitig betroffen sind. Wenn der Patient die Emotion befreit und erlebt, verwandelt sich die Sensation wieder in Emotion und die Finger sind nicht mehr taub.

Zum intellektuellen Verstehen: Oft ist es notwendig, zuerst die Emotionen zu spüren, bevor man anfängt, sie intellektuell zu verstehen. Wenn du für deine Emotionen offen bist, können deine Emotionen dir im Grunde „erklären“, was vor sich geht. Dein „Verstand“ kann aus deinen Emotionen „lernen“, was Dinge „enthüllt“, von denen du „nicht wußtest, daß du sie denkst“ oder fühlst.

Ich sage meinen Patienten, daß Emotionen wie das Wetter sind: Es handelt sich um spontane, natürliche Phänomene, die wir gemeinhin nicht kontrollieren. Wenn wir sie in einer kontrollierten Umgebung durcharbeiten können, in der sie niemanden verletzen, hilft dies, die „Rationalität“ wiederherzustellen. Ich denke, daß die meisten Ideen aus Emotionen stammen und nicht umgekehrt, wie es die Kognitivisten vertreten. Natürlich führen Gedanken manchmal zu entsprechenden Emotionen. Aber oft folgt die Erzählung der Stimmung und nicht umgekehrt!

Es ist wie auf dem Rücken eines Elefanten zu reiten: Der Elefant wird dorthin gehen, wohin er will. Aber wenn du eine gute Beziehung zum Elefanten hast, kannst du ihn möglicherweise dazu überreden, eine weniger destruktive Richtung einzuschlagen!

Emotionen können rational sein, wenn sie frei und natürlich sind.

 

Gott, der Kern, der Mechanismus, der Liberalismus und die Orgasmusangst

Ich hatte gerade einen Gedanken: Ich habe darüber nachgedacht, wie liberale Atheisten Gott hassen. Was ich als Kind, das in einem liberalen Umfeld aufgewachsen ist, gesehen und sogar selbst erlebt habe, ist, daß jede Erwähnung Gottes Liberale tatsächlich erschreckt! Sie denken zum Beispiel sofort, daß, wenn man Gott erwähnt, das bedeutet, man eine Art repressiver Faschist ist, der sie kontrollieren und ihnen all ihre „Freiheit“ wegnehmen will. Ich bin mir nicht sicher, wie ich das alles verstehen soll, aber ich hatte gerade einen Gedanken, den ich noch nie zuvor hatte: Ist es möglich, daß bei den mechanistischen Menschen die Vorstellung von Gott tatsächlich Orgasmusangst verursacht? Meine Überlegung ist, daß Religion im allgemeinen bei Menschen tatsächlich Emotionen weckt, was bedeutet, daß sie wahrscheinlich auch ein gewisses Strömen verursacht. Der mechanistische Mensch hat absolute Angst vor dem Strömen, genau wie die Liberalen, oder zumindest die Liberalen, die weit links stehen oder besonders mechanistisch oder atheistisch sind. Reich beschrieb den Homo mechanicus als eine „Gehirnmaschine“. Alles, was also das Strömen provoziert, würde ihm Orgasmusangst bereiten, einschließlich der Vorstellung von Gott oder irgendeine religiöse Erfahrung.

Und vielleicht ist der Grund dafür, daß Liberale es plötzlich mit der Angst bekommen, daß religiöse Menschen versuchen werden, sie zu „kontrollieren“ oder ihnen „die Freiheit zu nehmen“, weil die Idee Gottes tatsächlich droht, ihre mechanistische Panzerung zu durchbrechen und ihnen deshalb ihre Ersatzkontakt-Version der „Freiheit“ zu nehmen? Mit anderen Worten, vielleicht droht die Vorstellung von Gott sie tatsächlich mit sich selbst in Kontakt zu bringen, so daß all die lächerliche Scheiße, die sie tun, all die Perversionen und all das liberale Ausleben ihrer Neurose, durch die Idee von Gott bedroht wird, da „Gott“ eigentlich Kernkontakt bedeutet?

 

Linke und Orgonometrie

Ein Orgonom kann eine liberale oder konservative biophysische Charakterstruktur haben. Biophysischer Charakter ist nicht unbedingt dasselbe wie politische Zugehörigkeit. Der biophysische Charakter wurde/wird (von Reich, Baker, Konia usw.) als ein biologisches Phänomen betrachtet. Es gibt biophysische Liberale beim ACO, aber keine Linken (Pseudoliberale). Ich selbst habe einen liberalen biophysischen Charakter, auch wenn ich mich zur Zeit der konservativen Seite des Spektrums anschließe (weil ich sehe, daß es zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte mehr Kernkontakt auf dieser Seite gibt).

Ist der ACO „konservativ“? Ich denke, wir würden zugeben, daß die Organisation konservativer Natur ist. Ist sie andererseits wirklich konservativ? Die Orgonomie ist sicherlich nicht konservativ im herkömmlichen Sinne des Wortes „konservativ“!

Diese ganze Angelegenheit, das Wort „konservativ“ orgonomisch zu definieren, ist heikel. Meiner Meinung nach ist die orgonomische Soziologie ein laufendes Projekt. Die Sache mit der ACO-Definition von „konservativ“ ist: es bedeutet im wesentlichen „mehr vom Kern her als beim Liberalismus“, weil Dr. Konia den Konservatismus mit einem Zustand gleichgesetzt hat, der vorwiegend mit der Pulsation (die eine Kernfunktion ist) assoziiert ist, im Gegensatz zum Liberalismus, der seiner Meinung nach vorwiegend mit der Funktion der Kreiselwelle assoziiert ist (die, wie man argumentieren kann, eine eher „periphere“ oder „oberflächliche“ Funktion ist). Wenn wir also „konservativ“ sagen, dann ist das in gewisser Weise vielleicht eine Tautologie: Konservative haben angeblich mehr Kernkontakt und mehr Kernkontakt macht einen angeblich konservativ.

Reich beschrieb sich selbst als liberal strukturiert (Baker äußerte die Ansicht, daß Reichs Charakter nichtsdestotrotz konservativ war). Aber „liberal“ und „links“ sind zwei verschiedene Dinge. In Menschen im Staat drückte Reich seine endgültigen Schlußfolgerungen zur Soziopolitik aus und machte deutlich, wo er stand. Und es ist klar, daß er, obwohl er sich selbst für einen Liberalen gehalten haben mag, erklärte, daß er kein Linker sei.

Wenn jemand ein Linker oder Pseudoliberaler ist, dann ist er von Reichs soziologischen Ansichten abgewichen. Wenn sie auf dich gereizt oder wütend oder hysterisch reagieren, ist das ein Zeichen dafür, daß in ihrem Charakter etwas steckt, das eine funktionelle Diskussion nicht tolerieren kann. Funktionelles Denken ist klar und einfach. Gepanzertes Denken ist komplex und verworren. Gepanzertes Denken ist auch von einem moralistischen Tonfall geprägt. Funktionelles Denken ist nicht moralistisch. Wenn man also auf heftigen (Pseudo-)Moralismus trifft, wie er für den Pseudo-Liberalismus charakteristisch ist, ist das ein Hinweis darauf, daß man es mit gepanzertem Denken zu tun hat. Ein weiterer Hinweis darauf, daß man es mit gepanzertem Denken oder pestähnlichem Denken zu tun hat, ist, wenn man sich verwirrt, festgefahren, verkrampft oder eingeschüchtert fühlt, nachdem man sich mit diesen Leuten ausgetauscht hat, oder wenn es so aussieht, als wollten sie Schuldgefühle bei einem hervorrufen.

Pseudoliberale sind viel viel aggressiver und gefährlicher als Konservative.

Die Gefahr liegt zum Teil darin, daß sie indirekt und hinterhältig sind. Das macht sie zu gefährlicheren Gegnern als die Konservativen, die leichter zu durchschauen sind. Die Aggression der Konservativen ist wie die von Trump offensichtlich. Natürliche Aggression und Sadismus sind zwei verschiedene Dinge (Reich beschreibt dies). Pseudoliberale Aggression ist sadistisch, verbirgt sich aber hinter einer Fassade von Rationalisierungen. Natürliche, gesunde Aggression ist nicht sadistisch, sie ist einfach und setzt sich angemessen durch. In dem Maße, wie die soziale Fassade zusammenbricht, wird die Aggression der sekundären Schicht (Sadismus) mehr und mehr in den Vordergrund gerückt, aber im Falle der Pseudoliberalen wird immer noch rationalisiert, daß sie im Dienste eines erhabenen Ideals steht.

Was die Akzeptanz der Orgonometrie betrifft: Meines Wissens ist sie nur von Leuten akzeptiert worden, die Fans des ACO sind. Als sich das Institute for Orgonomic Science in den 80er Jahren vom ACO abspaltete, gab es in ihrer Zeitschrift einen Kommentar, der das Buch von Jacob Meyerowitz über Orgonometrie (Before The Beginning of Time) ins Lächerliche zog. Natürlich hat Reich die Orgonometrie erfunden/entdeckt. Als nächstes schrieb Meyerowitz sein Buch. Im Anschluß daran schuf Dr. Konia den Rest. Der Teil, der Reich allein gehört, ist einfach die orgonotische Strömung, das er als die gemeinsame Funktionsprinzip von Erregung und Sensation betrachtete. Konia änderte das in Strömung als CFP von Erregung und Wahrnehmung. Er schuf dann den Rest dessen, was er die „Gleichung des Kontakts“ nennt, obwohl die meisten der tatsächlichen Komponenten der Gleichung von Reich stammen. Konia formulierte die Beziehungen zwischen den verschiedenen Funktionen, die Reich beschrieben hatte.

Meiner Ansicht nach sind Leute, die sich „Orgonomen“ nennen und nicht formal mit dem ACO verbunden sind, zumindest zum größten Teil keine Orgonomen. Ich würde dies nicht unbedingt oder ganz auf ihre Ablehnung des ACO stützen. Ich würde es auf die Tatsache stützen, daß es mir offensichtlich scheint, daß sie in vielen oder den meisten Fällen auch viel von Reich ablehnen.

In Europa sieht man Leute, die sich selbst „Reichianer“ nennen, aber die Orgontheorie ablehnen. Es ist mir nicht einmal klar, ob alle Menschen in Amerika oder Europa, die sich „Orgonomen“ nennen, die Orgontheorie unterstützen. Wenn sie die Theorie nicht befürworten, sollten sie den Namen natürlich nicht benutzen.

Soweit ich weiß, gibt es unter Reichianischen und „orgonomischen“ Linken eine Bewegung, die behauptet, Reich sei „konservativ“ geworden, nur um sich in Amerika einzufügen. Das ist natürlich absoluter Quatsch und Unsinn. Viele der Leute auf Facebook, die sich selbst als Anhänger Reichs und der Orgonomie oder als „Orgonomen“ bezeichnen, sind offensichtlich Mitglieder dieser Bewegung.

 

Lustangst: Handeln Menschen tatsächlich immer in einer Weise, die mit ihrem Eigeninteresse übereinstimmt?

Ich denke, die Antwort ist eindeutig „nein“. Es ist offensichtlich der Fall in Beziehungen aller Art: zwischen Individuen, in unserem Arbeitsleben und sogar bei Nationen. Wir sehen, daß Menschen und Unternehmen und Länder in all diesen Bereichen regelmäßig „Selbstsabotage“ betreiben.

Meiner Ansicht nach sind all diese Phänomene eine Folge dessen, was der Psychiater Wilhelm Reich „Lustangst“ nannte: Kurz gesagt, Erfolg im Leben, in der Liebe und in der Arbeit ist grundsätzlich beängstigender als Mißerfolg. Das liegt daran, daß Erfolg immer mit Risiko verbunden ist und daher große Angst auslösen kann, während Mißerfolg vertraut ist und, wenn er nicht zu extrem ist, keine großen Schocks mit sich bringt.

“Die Orgasmusangst bildet den Kern der allgemeinen strukturellen Lustangst. Sie äußert sich gewöhnlich als allgemeine Angst vor jeder Art vegetativer Empfindungen oder Erregung oder der Wahrnehmung solcher Erregungen und Empfindungen“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 124).

„Lustangst: Die Furcht vor lustvoller Erregung, die gleichbedeutend ist mit Ausdehnung, im Grunde die Furcht vor Erweiterung und Bewegung“ (E.F. Baker: Der Mensch in der Falle, München 1980, S. 32).

 

Solschenizyn, Dostojewski, Gott und der Kommunismus

Ich habe viel mit der Idee von Gott gerungen (und es ist ein umfassender und detaillierter Kampf) und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich mit Solschenizyns These unten und an anderen Stellen zu 100% übereinstimme (die auch Dostojewskis These ist), aber ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, daß sein Standpunkt zumindest teilweise einer gewissen Wahrheit entspricht. (Und den Ausschnitten zufolge, die ich von Marx' Schriften gesehen habe, war Marx sicherlich außerordentlich feindlich gegenüber der Idee von Gott.) Es ist auch glasklar, daß der Kommunismus und seine Derivate eine alternative Weltanschauung zu der der großen Religionen bieten, ungeachtet der Bemühungen vieler, den großzügigen Geist im Christentum und anderer Religionen fälschlicherweise mit dem angeblich freigiebigen Geist im Kommunismus und Sozialismus gleichzusetzen. Jedenfalls ist jede Betrachtung von Solschenizyn oder Dostojewski ohne Bezug auf Gott unmöglich, weil Gott in beiden Glaubenssystemen eine zentrale Rolle spielt. (Interessanterweise haben beide Männer in ihrem Leben außerordentlich gelitten und lange Zeit in russischen Gefängnissen verbracht; in beiden Fällen kämpften sie offensichtlich mit Bitterkeit, überwanden sie aber in unterschiedlichem Maße mit der Idee von Gott.)

Vor über einem halben Jahrhundert, als ich noch ein Kind war, erinnere ich mich, daß ich von einigen alten Leuten folgende Erklärung für die großen Katastrophen, die Rußland heimgesucht hatten, hörte: „Die Menschen haben Gott vergessen, deshalb ist das alles geschehen.“ Seitdem habe ich mich fast 50 Jahre lang mit der Geschichte unserer Revolution beschäftigt. Dabei habe ich Hunderte von Büchern gelesen, Hunderte von persönlichen Zeugnissen gesammelt und bereits acht eigene Bände zu den Bemühungen beigetragen, die Trümmer dieses Umbruchs zu beseitigen. Aber wenn ich heute gebeten würde, die Hauptursache für die ruinöse Revolution, die etwa 60 Millionen unseres Volkes verschlungen hat, so prägnant wie möglich zu formulieren, könnte ich es nicht treffender sagen als: „Die Menschen haben Gott vergessen, deshalb ist das alles geschehen.“
Es war wieder einmal Dostojewski, der aus der Französischen Revolution und ihrem offensichtlichen Haß auf die Kirche die Lehre zog, daß „die Revolution notwendigerweise mit dem Atheismus beginnen muß“. Das ist absolut richtig. Aber die Welt hatte noch nie zuvor eine Gottlosigkeit gekannt, die so organisiert, militarisiert und hartnäckig bösartig war wie die, die vom Marxismus praktiziert wurde. Innerhalb des philosophischen Systems von Marx und Lenin und im Herzen ihrer Psychologie ist der Haß auf Gott die Hauptantriebskraft, grundlegender als alle ihre politischen und wirtschaftlichen Ansprüche. Der militante Atheismus ist nicht bloß ein Nebeneffekt oder eine Randerscheinung der kommunistischen Politik; er ist nicht ein Nebeneffekt, sondern der zentrale Angelpunkt.

Alexander Solschenizyn

 

Überlegungen zu Politik, Polarisierung und der Frage nach dem „Geist“

Ich denke, Polarisierung ist eine Art soziologisches Phänomen, das über die Politik hinausgeht, obwohl es von ihr genährt wird. Die Menschen brauchen also eine Art Rahmen, der sie daran erinnern kann, was an der Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, von Bedeutung ist. Und in dem Maße, in dem sie diesen Rahmen haben, stammt er wahrscheinlich letztlich aus einem sozialen Bereich, der völlig außerhalb der Politik liegt. (Zum Beispiel, wie man im Laufe seines Lebens von einzelnen Menschen wie Familienmitgliedern oder Freunden oder Liebhabern usw. behandelt wurde.) Leider neigt die Politik von Natur aus zur Polarisierung, was meiner Meinung nach zumindest teilweise den ganzen Wert der Politik in Frage stellt, obwohl wir ohne sie nicht leben können, weil wir eine Art von Regierung brauchen. Ich denke, daß einzelne Menschen danach streben können und sollten, einige der der Politik innewohnenden „Neurosen“ zu überwinden, aber das ist schwierig, weil ich glaube, daß alle Formen der Politik, mit denen die Menschen bisher experimentiert haben, etwas Neurotisches an sich haben. Und tatsächlich: je weiter man nach links oder rechts geht, desto mehr löst sich die ganze Vorstellung, miteinander auszukommen, in Luft auf, was tatsächlich von der Ideologie, sei sie links oder rechts, unverhohlen zum Ausdruck gebracht wird.

Eine Sache, die tendenziell völlig vergessen wird, ist jede Art von Weisheit, die über Hunderte und Tausende von Jahren der menschlichen Geschichte angesammelt wurde. Ich weiß einfach nicht, wie man das Konzept „Geist“ loswerden könnte. Nicht unbedingt in irgendeinem übernatürlichen Sinn; aber es gibt etwas an der Art, wie wir alle miteinander in Beziehung stehen, das sich schwer auf eine Formel reduzieren ließe. Wir „wissen“ einfach oder „wissen nicht“, wie wir miteinander umgehen sollen, unabhängig davon, welcher Ideologie wir verhaftet sind. Und es scheint, daß je mehr Ideologie, desto weniger Weisheit bzw. Geist bzw. Wissen.

Aber ich kenne keine politische Mainstream-Theorie, die ein praktikables Verständnis der menschlichen Natur oder sogar der Soziologie, Gesellschaft, Kultur oder auch der Politik selbst böte. Ich glaube auch nicht, daß es irgendeine Religion gibt, die ein gründliches Verständnis von all diesen Dingen bietet. Aber ich denke, es gibt eine Menge „Geist“ in der Religion, eine Menge Weisheit, eine Menge Gefühl und Emotion, die tatsächlich wesentlich sind. Sobald man die Religion jedoch organisiert, wird sie (ähnlich wie jede politische Bewegung) verzerrt und destruktiv.

Ich denke, es ist vor allem wichtig, sich selbst zu untersuchen, nach innen zu schauen. Und ich weiß nicht, ob es irgendeine politische Theorie gibt, die das vertritt: Es geht immer um den anderen: politische Theorien scheinen immer das Bedürfnis zu haben, andere politische Theorien zu dämonisieren. Das scheint allen oder fast allen politischen Theorien inhärent zu sein. Und ich denke, daß man, um das zu lösen, alle möglichen Quellen zu Rate ziehen muß, wahrscheinlich auch (aber nicht ausschließlich) die Religion.

Was zieht uns zu einer bestimmten politischen Theorie hin? Wäre es fair zu sagen, daß es im Wesentlichen etwas Emotionales ist? Die Theorie klingt für uns gut, sie klingt richtig, sie klingt moralisch, sie klingt ethisch, sie scheint das Angebot einer wohlwollenden Vision des menschlichen Lebens zu sein, und wir fühlen uns gut dabei. Und dann fangen wir an, anderen politischen Visionen gegenüber feindselig eingestellt zu sein.

 

 

zuletzt geändert
19.04.21

 

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