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DIE EMOTIONELLE PEST

 

 

Auch am Christus-Mythos läßt sich das Problem Blauer Faschismus exemplifizieren.

 

 

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS

Peter Nasselstein

 

Daß Sancho [Max Stirner] der moderne Christus ist, auf diese seine "fixe Idee" "zielt" bereits die ganze Geschichtskonstruktion.

Karl Marx (34:461)

 

"Die Geschichte Christi hat die Menschheit tief berührt und zu Tränen, Jammer und großer Kunst bewegt, weil sie die eigene, tragische Geschichte der Menschheit ist. Jeder Mensch ist Christus und Opfer der Pest. Die Menschen sind hilflos vor ihren eigenen Gerichten, fliehende Jünger und schlafende Bewunderer; es sind Judasse, die dem Meister den Todeskuß geben und Marias, die Christus eine verbotene, göttliche Liebe geben; sie sind abgestorbene Körper, die die Schönheit Gottes in ihren erstarrten Gliedern vergeblich suchen, aber niemals aufhören, seine Existenz in sich und außerhalb zu fühlen. Trotz aller Panzerung, Sünde, Haß und Perversion sind auch die Menschen im Grunde Lebewesen, die nicht anders können, als die Lebenskraft in sich und außerhalb zu fühlen" (44:240f, Hervorhebungen hinzugefügt).

So Reich im Christusmord, ein Buch, das den Unterschied zwischen dem primären (natürlichen) und dem sekundären (neurotischen, pestilenten) Leben aufzeigen soll. Christus war für ihn die ultimative Verkörperung des ersteren - die "Verwirklichung des Naturgesetzes" im Menschen (44:27). Alles, was nicht ins Bild paßt, sei entweder spätere sexual-feindliche Entstellung oder der durchaus rationale Versuch, Christi Botschaft vor möglichen pornographisch-permissiven Entstellungen zu schützen. Im folgenden wird ein neuer Blick auf Christus geworfen, wobei er auch in seinen Widersprüchen gesehen wird. Daß bei diesem Unterfangen vieles mit Reichs Christusmord nicht in Übereinstimmung zu bringen ist, ist belanglos, solange die Grundprinzipien des Orgonomischen Funktionalismus gewahrt bleiben.

 

 

1. Christus in der Geschichte

In seinem Buch Die Matrix der Alten Geschichte versucht der Historiker Christoph Pfister nachzuweisen, daß die gesamte Geschichtsschreibung erst im 17. Jahrhundert fixiert wurde. Als "Dienerin der Theologie" hatte sie das göttliche Erlösungsgeschehen zu illustrieren. Man nehme als Beispiel die einzige Quelle für das frühe Rom: Titus Livius, der angeblich im 1. Jahrhundert v.Chr. schrieb - dessen Schriften aber erst im 16. Jahrhundert "entdeckt" wurden. Auffällig sind die vielen Parallelen zu den Erzählungen des, so Pfister, zur gleichen Zeit (16. Jahrhundert!) verfaßten Alten Testaments. So entspricht beispielsweise der Zug der Plebejer (= Christen) auf einen von Livius nicht näher lokalisierten "heiligen Berg" und ihre so erkämpften Schutzrechte (das "Zwölftafelgesetz") dem Geschehen am Berg Sinai (39).

Betrachtet man die Geschichte mit Pfisters Augen, d.h. löst sich von den "logischen Zwängen" der Chronologie, wird es möglich, die Erzählung des Alten Testaments über Moses als eine der zahllosen Versionen der Christus-Geschichte zu erkennen. Eine außerbiblische Lesart ist die Geschichte von Spartakus, der als Vertreter der von Rom Unterdrückten und Versklavten (d.h. der Christen) gekreuzigt wurde. Ein Jahrtausend "nach Christus" wäre der Bettelmönch Hildebrand zu nennen, der nach Rom pilgerte und zum Papst Gregor VII. gewählt wurde. Auf ihn geht der weltliche Machtanspruch der Kirche, die strenge Hierarchie und nicht zuletzt das Zölibat zurück. Für den unvoreingenommenen Betrachter, ist sein Leben fast identisch mit dem von Jesus.

Noch getreuer spiegelt sich Jesus Christus im verratenen und ermordeten Gottmenschen Julius Cäsar ("JC"): Jesu Wirken in Galiläa entspricht Cäsars Krieg in Gallien. Jesus überschreitet den Jordan, Cäsar den Rubikon. Der erste Ort, den Jesus besucht, ist Kaphernaum, bei Cäsar ist es Corfinium. Als judäischer König zieht Jesus in Jerusalem, das himmlische Rom, ein, Cäsar als italischer König ins irdische Rom. Jesus ist mit einer Lanze aufgebohrt worden, Cäsar wurde auf dem Kapitol erstochen, dem Berg "Capitolium"; nach römischer Sage eine "Schädelstätte" - genau wie Golgatha.

Francesco Carotta hat in seinem Buch War Jesus Caesar? aus diesen und weiteren Parallelen abgeleitet, daß wir 2000 Jahre eine Kopie Cäsars angebetet haben (11). Doch eine derartige Verortung Christi in der Geschichte ist unhaltbar, weil es zahllose dieser "Originale" gibt. Beispielsweise hätte Dennis R. MacDonald in seinem Buch The Homeric Epics and the Gospel of Mark das gleiche von Homers Odysseus behaupten können, dessen Geschichte in den Grundzügen identisch mit der von Jesus ist. Beide sind Zimmerleute, die zusammen mit einer Gruppe von 12 engen wenn auch ziemlich unzuverlässigen und dummen Gefährten eine "Odyssee" durchleiden, bei der sie gegen Dämonen und die Unbilden der See kämpfen. Jesus trifft auf den blinden Bettler Bartimäus, Odysseus in der Unterwelt auf den blinden Seher Teiresias. Jesu Einzug in Jerusalem entspricht Odysseus' Einzug in die Stadt der Phaiaken. Beim Gastmahl entdeckt der Held den staunenden Phaiaken seinen Namen. Die Salbung Jesu durch eine ungenannte Frau entspricht Odysseus' Ölung durch seine alte Amme Eurykleia, usw.usf. Die Parallelen sind zahllos. Man nehme speziell das Ende: nachdem Odysseus in der Gestalt eines verachteten Bettlers seine Widersacher, die um die Gunst Penelopes buhlten, massakriert und seine untreuen Mägde und Kechte zur Rechenschaft gezogen, also quasi "aus dem Tempel des Herrn geprügelt" hat, kommt es zu einer Art Auferstehung: Athene schenkt ihm sein jugendliches und königliches Aussehen zurück und es folgt eine Zeit allseitiger Versöhnung und Glückseligkeit (33).

Andere Kandidaten für das "Original" wären angeblich weniger mythologische Figuren wie Alexander der Große und sein zeitgenössisches Gegenbild Diogenes von Sinope ("der Philosoph in der Tonne").(1) Überhaupt wirkt der gesamte Hellenismus wie ein bis in die kleinsten Einzelheiten vorweggenommenes Christentum: alle kynischen Wanderprediger sind durchweg kleine "Jesusse" und Mithras, Apollo, Dionysos, Osiris, Herakles, Orpheus, etc.pp. sind bis in die kleinsten Einzelheiten identisch mit Christus. Eine ganze Bibliothek ließe sich mit Büchern füllen, in denen für praktisch jede "vorchristliche" Figur (ob sie nun Mensch oder Gott oder beides ist) jeweils überzeugend nachgewiesen wird, daß sie das Vorbild war, nach der die Christus-Gestalt von den Evangelisten geformt wurde.

Wie gesagt, kann man mit Pfister diese Chronologie umkehren und Christus zum "Original" erklären, ihn also zur Achse der Weltgeschichte machen oder gar zu einer beständigen Gegenwart, die beispielsweise Cäsar unmittelbar neben die "Cäsaren der Neuzeit", Napoleon und Hitler, stellen würde.(2)

Die Figur Hitler ist in unserem Zusammenhang besonders instruktiv, da er in vieler Hinsicht sowohl der Kulminationspunkt unserer gepanzerten "Kultur" ist, als auch einen Versuch verkörpert, das Gefängnis dieser Kultur zu sprengen (vgl. 52). In seinem Buch Das Braune Evangelium hat Werner Reichelt belegt, daß Hitler sein ganzes Leben, seine Wirkung und seine nacherzählte Vita, nach dem Muster der Evangelien aufbaute. Nach der Machtergreifung sei Schritt um Schritt die Christus-Geschichte in die Gegenwart übertragen und Hitler zum "Heiland der Deutschen" erhoben worden, dessen Werdegang bis in die kleinsten Einzelheiten denen Christi entsprach: Hitler wuchs in einer Art österreichischem Nazareth auf. Er führte seine Heimat heim ins Reich, als Verkörperung des Weges, der Wahrheit und des Lebens. Und trotzdem blieb dieser Gott doch ganz Mensch. Durch sein, des schuldlosen armen Gefreiten, Opfer wird das ganze Volk gerettet werden. Am Anfang war er verborgen und seine Stimme galt im eigenen Land nichts. Seine Jünger wurden verfolgt, doch er hatte für sie die Trostworte der Bergpredigt: eines Tages wird alles umgekehrt sein! Standhaft steht Hitler gegen die satanische Versuchung des demokratischen Staates, der ihn, den eschatologischen Revolutionär, einbinden will. Wer nicht für Hitler ist, ist gegen ihn. Hitler verlangt absoluten, fanatischen Glauben. Ziel ist eine Art urchristlicher Gütergemeinschaft, wo das "Blut" die Rolle des einigenden Heiligen Geistes übernimmt. Die "Volksgemeinschaft" ist die nationalsozialistische Adaption des Corpus Christi (50).

Auf dem Parteitag von 1936 trat Hitler ganz offen als neuer Christus ans Rednerpult: "Wie fühlten wir nicht wieder in dieser Stunde das Wunder, das uns zusammenführte! Ihr habt einst die Stimme eines Mannes vernommen (Lk 3,4), und sie schlug an eure Herzen, sie hat euch geweckt, und ihr seid dieser Stimme gefolgt. Ihr seid ihr jahrelang nachgegangen, ohne den Träger der Stimme auch nur gesehen zu haben; ihr habt nur eine Stimme gehört und seid ihr gefolgt. Wenn wir uns hier treffen, dann erfüllt uns alle das Wundersame dieses Zusammenkommens (Joh 20,19-30). Nicht jeder von euch sieht mich und nicht jeden von euch sehe ich (Joh 16,16). Aber ich fühle euch, und ihr fühlt mich! Es ist der Glaube an unser Volk, der uns kleine Menschen groß gemacht hat, der uns arme Menschen reich gemacht hat, der uns wankende, mutlose, ängstliche Menschen tapfer und mutig gemacht hat; der uns Irrende sehend machte und der uns zusammenfügte! (Lk 7,22). So kommt ihr aus euren kleinen Dörfern (Mt 2,6), aus euren Marktflecken, aus euren Städten, aus Gruben und Fabriken, vom Pflug hinweg an einem Tag in diese Stadt. Ihr kommt, um aus der kleinen Umwelt eures täglichen Lebenskampfes und eures Kampfes um Deutschland und für unser Volk einmal das Gefühl zu bekommen: Nun sind wir beisammen, sind bei ihm und er bei uns, und wir sind jetzt Deutschland! (Joh 14,3)" (z.n. 55:87f, Bibelverweise hinzugefügt).

Das Wirken der "Christus-Matrix" in den 30er Jahren kommt beispielhaft auch in Freuds Auseinandersetzung mit Moses zum Ausdruck:

 

 

2. Der Mann Reich

Für Freud war Moses, der den Juden die Beschneidung und "das Gesetz" gebracht haben soll, eine geläuterte Wiederverkörperung des archaischen "Urvaters", der seine Söhne einst tatsächlich "ganz beschnitten", d.h. kastriert hatte (18). Um Moses als eine "aufgeklärte" Version des "Urvaters" erscheinen zu lassen, manipulierte Freud das Material über diese durch und durch widersprüchliche Figur so, daß er schließlich den passenden Idealtypus vor sich hatte und deshalb "analysieren" konnte.

Bereits 1914 im Aufsatz "Der Moses des Michelangelo" hatte er ihn als archetypische Verkörperung der Sublimation dargestellt. Bezeichnend ist, daß Freuds Interpretation nicht nur nicht durch die Bibel gestützt wird, sondern erst recht nicht durch die Statue Michelangelos. Freud zufolge soll Michelangelos Werk Moses nach dem ersten Abstieg vom Sinai zeigen, doch in der Bibel ist Moses ausgerechnet dort alles andere als ein Vorbild vornehmer Zurückhaltung und Sublimation. Freuds Manipulation geht so weit, daß er die betreffende Stelle Ex 32,7-35 zitiert, aber Ex 32,21-29 ausläßt, wo beschrieben wird, wie auf Mose Befehl die Leviten die Götzenanbeter abschlachten (2).

Freuds Analyse von Michelangelos Statue, bei der er von anderen "geringgeschätzte oder nicht beachtete Züge" hervorhebt, gemahnt, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen, frappant an Reichs späteren Umgang mit Christus. Freud verdrängt den jähzornigen Kraftprotz, der angesichts des Ungehorsams voll Zorn die Gesetzestafeln zerschmettert und wutschnaubend zum Fememord anstachelt - und zeichnet stattdessen, frei nach Num 12,3, den "sanftmütigsten und geduldigsten aller Menschen". Die "kraftstrotzende Muskulatur" von Michelangelos Moses wird dementsprechend bei Freud "zum leiblichen Ausdrucksmittel für die höchste psychische Leistung, die einem Menschen möglich ist, für das Niederringen der eigenen Leidenschaft zugunsten und im Auftrag einer Bestimmung, der man sich geweiht hat" (17).(3)

Obwohl er Kunstexperten zitiert, die bei Michelangelos Statue vom "panköpfigen Moses" und von der "Tierähnlichkeit des Kopfes" sprechen, unterschlägt Freud, daß Moses als Symbol animalischer Männlichkeit wie ein griechischer Satyr oder Gott Pan zwei Hörner auf dem Kopf trägt. Stattdessen wird Moses zur Verkörperung "zivilisatorischer" Muskelpanzerung und des Über-Ich. Seine Begegnung mit Michelangelos Statue in einer römischen Kirche beschreibt Freud entsprechend. Nachdem er die steile Treppe zur Kirche hinaufgestiegen sei, habe er "versucht, dem verächtlich-zürnenden Blick des Heros standzuhalten, und manchmal habe ich mich dann behutsam aus dem Halbdunkel des Innenraumes geschlichen, als gehörte ich selbst zu dem Gesindel, auf das sein Auge gerichtet ist, das keine Überzeugung festhalten kann, das nicht warten und nicht vertrauen will und jubelt, wenn es die Illusion des Götzenbildes wieder bekommen hat" (17).

Freud will nicht sehen, daß die ungeheure Gewalttätigkeit, die von Moses ausgeht, Ausdruck jener unkontrollierbaren Animalität ist, gegen die Freud sein ganzes Leben angekämpft hat. In seinem Michelangelo-Aufsatz gesteht er gleich zu Anfang seine "rationalistische Anlage", die sich dagegen sträube, emotional ergriffen zu werden. Bei Dingen, die sich einem analytischen Zugang sperren, wie etwa der Musik, sei er "fast genußunfähig" (17). Anläßlich seines Der Mann Moses und die monotheistische Religion schreibt er am 13.2.1935 an Arnold Zweig, daß ihm der dionysische Jahwe, "der rohe Vulkan- und Wüstengott", "besonders unsympathisch und meinem jüdischen Bewußtsein fremd geworden ist" (16). Statt des jüdischen Gottes, hinter dem letztendlich doch nichts anderes stand als drängende, "dionysische" Sexualität, wie sie archetypisch vom Stier verkörpert wird, konstruiert er sich als Verkörperung seiner atheistischen Verzichtsethik einen edlen, apollinischen Gott, der angeblich von Moses verkündet wurde.

Gerade Moses ist jedoch ein Beleg dafür, daß der Jahwe-Kult einst nichts anderes war als ein ganz gewöhnlicher Stierkult. Jahwe war ein wilder junger Stier (Num 23,22). Ein Gott, auf dessen von Stierallegorien geprägten Altären Stieropfer dargebracht wurden (Ez 43,15ff). Es war genauso wie etwa auf dem minoischen Kreta. Die mythischen Überlieferungen sprechen davon, daß sich die Gemahlin des sagenhaften Königs Minos, Pasiphae, "mit einem Stier sexuell verband, wohl ein Hinweis auf die 'Heilige Hochzeit' mit einem Priester, der eine Stierkopfmaske trug" (6:175).

Auch in der Bibel finden wir einen solchen Priester mit Stierkopfmaske, der von einer Kultanhöhe, dem Ort der Heiligen Hochzeit (vgl. Jer 2,20), herabkommt: Moses, der den Berg Sinai mit Hörnern auf dem Kopf herabkommt. Noch 600 v.Chr. spricht der Prophet Habakuk davon, daß Gott vom Gebirge herabsteigt. "Gott, der zwei Hörner trägt - darin war verborgen seine Macht" (Hab 3,3f [60]). Gewöhnlich ist in Übersetzungen nicht von Hörnern, sondern von einem "Lichtkranz" die Rede, aber im Hebräischen Original steht das Wort "k-r-n", bzw. "keren", was sowohl "Lichtstrahl" als auch "Horn" bedeuten kann. Entsprechend wird in der lateinischen Vulgata, die Michelangelo benutzte, "k-r-n" mit "cornu", Horn, übersetzt.

Im Hebräischen hat der Begriff Horn die Nebenbedeutung "Stärke und Kraft" (vgl. Anmerkung zu Am 6,13 in der Einheitsübersetzung [5]). So werden heute auch zumeist die Stellen übersetzt, wo vom Horn die Rede ist. Auf diese Weise wird zwar die Stiermetaphorik, die das ganze Alte Testament durchzieht, verschleiert, dadurch gleichzeitig aber ungewollt jener Aspekt hervorgehoben, der sich eigentlich hinter dem Horn verbirgt: die männliche Potenz, die vom Stier archetypisch verkörpert wird. Ganz klar wird die Identität, wenn Hanna singt: "(...) mein Horn ist erhöht in dem Herrn. (...) Der Herr (...) wird erhöhen das Horn seines Gesalbten" (1 Sam 2,1.10 [4]). Er ist der "Starke" Isaaks und der "Mächtige" Jakobs. "Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen" (Num 24,17 [4]).

Feministische Bibelforscherinnen sprechen beim gehörnten Moses von "matriarchalischer Männlichkeit" und verweisen auf das altorientalische Umfeld. Wie der Name "Mose", der vom ägyptischen Namenselement "ms(w)" stammt, schon sagt, war Moses Sohn einer Gottheit (z.B. Ramses = Sohn der Sonne). Als Stier konnte er nur Sohn der ägyptischen Himmelskönigin Nout sein. Nout stellte man sich als sternenübersäte Himmelskuh vor, die jeden Morgen den männlichen Sonnengott Re (Ra) als Sonnenkalb gebiert - das "Goldene Kalb"! Bis Mittag wächst dieses Kalb zum Stier heran, der seine eigene Mutter Nout begattet. Am Abend stirbt der Stier und wird von Nout wieder gefressen, um am nächsten Morgen als sein eigener Sohn von Nout wiedergeboren zu werden. So kann dieser Gott von sich sagen: "Ich werde sein, der ich sein werde!" (Ex 3,14 [4]). Die Himmelskönigin ruft ihren Sohn Moses: "Da Israel jung war, hatte ich ihn [diesen meinen Sohn] lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten" (Hos 11,1 [4]) (60).

Mit seinen Theorien über den patriarchalischen "Urvater", der sich angeblich in Moses wiederverkörperte, kämpfte Freud gegen diesen matriarchalischen "gehörnten Moses" an. Er war ihm zutiefst unheimlich, weil dieser Moses wirklich alles verkörperte, was er bekämpfte. Ein Moses, der einerseits für die ungezügelte "matriarchalische" Natur stand, das wilde "Es" - und gleichzeitig für das Zwangskorsett der ebenso unvernünftigen 613 jüdischen Religionsgesetze, die von zügellosen Fanatikern mit funkelnden Augen durchgesetzt werden. Er war ein jähzorniger unkontrollierbarer "triebhafter" Unhold, dessen Wildheit sich entweder in dionysischen Orgien oder einer fanatischen Rechtgläubigkeit Bahn brach. Etwa so, wie sich der Spießer heute den Araber vorstellt.

In Der triebhafte Charakter (1925) wies Reich den Weg, wie diese Dichotomie aus unberechenbarem, sadistisch strafendem "isolierten Über-Ich" und unkontrollierbaren Es-Strebungen aufzuheben ist: durch die Befreiung der Genitalfunktion (43). Freud wurde mit diesem in der Moses-Gestalt verkörperten Problem anders fertig: das wilde "gehörnte" Element wurde abgespalten, verleugnet, "in die Unterwelt verbannt", und übrig blieb eine kastrierte Lichtgestalt, eine lauwarme Vernunft-Schimäre. Sie sollte verhindern, daß die Hölle aufbrach und Blitze vom Himmel zuckten.

Die Psychoanalyse stand für Triebverzicht, aber sie hob sich doch vom wilden, unvernünftigen, auf verquere Weise mit Sexualität aufgeladenen antisexuellen Sadismus der fundamentalistischen, "mosaischen" Religionen ab. Sie stand für eine geregelte Libidoökonomie, aber sie hatte nichts mit dem angeblich anarchischen "Sexualbolschewismus" Reichs zu tun. Ihre Feinde waren alle, die sich gegen "die Vernunft" sperrten: leidenschaftliche Juden und Christen, fanatische Nazis und Kommunisten und nicht zuletzt der "wilde Mann" Wilhelm Reich. Das ging so weit, daß Reich praktisch mit Hitler gleichgesetzt wurde: ein irrer, hysterischer Wüterich, der sich irrationalen ozeanischen Gefühlen hingibt.

Der emotionale Hintergrund der Verunsicherung und des Hasses der Psychoanalytiker, läßt sich vielleicht anhand folgender Aussage des damals 16jährigen Zeitzeugen Ernest Borneman erahnen, der angeblich in Reichs Berliner Sexpol aktiv war: "Meine Erinnerung ist, daß ich nie einen Menschen kennengelernt habe, der so autoritär war, wie der Wilhelm Reich. Also der überhaupt keine Meinung neben der seinigen je geduldet hat. Und, wir nannten ihn 'den Kavalleriemajor' (...) und so sah er aus. Also außerordentlich aufrecht, mit einem etwas breitbeinigen Gang, sehr stark zurückgebeugtem Oberkörper, blitzblauen Augen, blonden Haaren. Also der sah aus, wie sich die SS den deutschen Supermann vorstellte und nicht, wie ich sehr viel später rausgefunden habe, wie ein jüdischer Psychologe aus Galizien" (8).

Dazu ist zu sagen, daß Reich durchaus keine blauen, sondern braune Augen, keine blonden, sondern schwarz-graumelierte Haare hatte - eine bezeichnende Freudsche Fehlleistung.(4) Außerdem war Borneman bereits in Berlin bewußt, daß Reich jüdischer Herkunft war, denn ihm fiel damals auf, daß er von allen jüdischen Ärzten und Analytikern in Berlin am wenigsten "jüdisch" aussah. Im krassen Gegensatz zu ihnen sprach Reich nie über das, bzw. "sein" Judentum. Nur einmal hörte Borneman ihn sagen: "Das war das Problem mit der ganzen Wiener Vereinigung - immer in der Defensive, immer Schiß in der Hose, nie auffallen, nur den Gojim keinen Anlaß zur Kritik geben. Ich hab' das nie mitgemacht" (7).

Wie sehr mußte der "vernünftige", impotente Freud und die übrigen anämischen, verkopften, kontaktlos vor sich hin spintisierenden Psychoanalytiker den penetrant virilen, herrisch, unnachgiebig, "unvernünftig", "simplifizierend" und vor allem "unjüdisch" auftretenden "Hecht im Karpfenteich" (46:44) hassen und fürchten. Zumal er der einzige war, der sie als neuer Moses aus der "ägyptischen Gefangenschaft" hätte führen können, - wenn er denn nur "vernünftiger" gewesen wäre!(5)

Unter der bezeichnenden Überschrift "Manichäische Konstruktion" wurde in der Psychoanalytiker-Postille Psyche das von Karl Fallend und Bernd Nitzschke anläßlich des Hundertsten Geburtstages Reichs bei Suhrkamp herausgegebene Buch Der "Fall" Wilhelm Reich besprochen. In dem Text, mehr Glosse als Buchbesprechung, tauchen folgende Adjektive und Satzfragmente auf, die Reich kennzeichnen sollen: aggressiv, rücksichtslos-egozentrisch, kompromißlos, unberechenbar, charismatisch-bedenkenlos, verkörpert tragischen Typus, es ging ihm nie um etwas anderes als seine Lehre, großspurig, eng und intolerant, putschistische Ungeduld, ruft zum Bürgerkrieg auf, läßt niemanden neben sich gelten, eine schwierige Persönlichkeit, paranoid, ehrgeizig, dominierend. Es fallen Sätze wie: "Das Etikett des Verrückten, das ihm anhaftet (...) deckt auch ein Gefühl des Unheimlichen, das man beim Lesen seiner Schriften und persönlichen Dokumente spüren kann" (53). Der Autor Michael Schröter schlägt am Ende dieser Bannung des Leibhaftigen geradezu biblische Töne an:

Reichs Habitus sei der manichäischen Polarisierung, die sich um seine Person bildet, sehr entgegengekommen. "Auf allen Stufen seiner Theorie-Entwicklung hat Reich den Gegensatz zwischen einem Prinzip des Guten und des Bösen, des Lebens und des Todes zugrunde gelegt (...). Aus diesem Stoff sind Mythen gemacht. (...) Und so hat Reich auch seine Geschichte mit der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung erzählt, als Teil des Weltenkampfes von 'Revolution' und 'Reaktion'. (...) Fallend und Nitzschke sind seiner Vorgabe erlegen und haben sich in dieser manichäischen Welt auf seine Seite gestellt. Auch affektiv tragen sie den Ingrimm des Mannes, der sich unentwegt und zuletzt sogar von den natürlichen Elementen verfolgt fühlte, weiter (...). Unheimlicher Beweis für die Strahlkraft Reichs, daß er uns seine mythenbildende Sicht noch so lange nach seinem Tod aufzudrängen vermag" (53). Man sieht geradezu wie Blitze um diesen, von Schröter wiederholt als "unheimlich" titulierten, Mann Reich zucken.

Schröter präsentiert eine perfekte Beschreibung der Moses-Gestalt, mit der Freud im Sommer 1934 intensiver rang denn je - jenem Sommer, in dem er den "gehörnten Reich" durch miese Machenschaften endgültig aus der Psychoanalyse hinauswerfen ließ ("Befreien Sie mich von Reich!") und sein Moses-Buch in Angriff nahm. Schröter meint, Reichs Behauptung, Freud hätte Das Unbehagen in der Kultur als Antwort auf ihn geschrieben, sei "wohl übertrieben, aber nicht völlig unplausibel". Vielleicht läßt sich über Der Mann Moses und die monotheistische Religion ähnliches sagen (18).

In diesem konfusen Machwerk versucht Freud, den triebhaften "gehörnten Moses" loszuwerden und durch einen gereinigten Moses zu ersetzen, einen Vertreter von "Ethik durch vernünftigen Triebverzicht". So als denke Freud an einen Reich, wie er ihn gerne gehabt hätte, erzählt er die Geschichte eines Nichtjuden, eines herrschaftlich auftretenden vornehmen Revolutionärs, der die Juden in eine neue zivilisierte Zukunft, d.h. zur Sublimation ihrer animalischen Antriebe, führt. Ein Prophet, der vernünftig ist wie sein Lehrer (Echnaton, Freud) und getreulich dessen Vernunftreligion verbreitet - und dafür schließlich von den haltlosen Juden ermordet wird (eine Art "Mosesmord").

 

 

3. Der Mann Jesus

Bei Moses verbirgt sich hinter dem extrem patriarchalischen Jahwe-Kult ein dionysischer Stierkult mit einer Himmelsmutter im Hintergrund. Noch offensichtlicher ist die "matriarchalische Männlichkeit" bei Christus. Man denke nur an die durch und durch widersprüchliche Verehrung der Muttergöttin Maria bzw. der "Mutter Gottes". In unserer Suche nach dem verdrängten Christus verlohnender ist vielleicht ein Blick auf den Sophien-Kult, obwohl er nur eine wenig bekannte esoterische Spielerei am Rande des Christentum war.

Bereits in der hebräischen Bibel, z.B. im Buch Sprichwörter, taucht die "Weisheit" auf und wird als "Gottesfurcht" (Ijob 28,28) definiert. Kurz vor der Zeitenwende wurde im hellenisierten Judentum daraus die Frauengestalt der "Sophia". Im apokryphen Buch Weisheit teilt Gott seinen Thron mit ihr (Weish 9,4). Sie war bei Gott, als er die Welt erschuf (Weish 9,9; Sir 24,9) und er "überläßt ihr die Ausführung seiner Schöpfungswerke" (Weish 8,4).(6)

Wie ein mittelalterlicher Troubadour spricht der Verfasser des Buches Weisheit davon, daß Sophias Schönheit ihn verzaubert habe, und er sich danach sehne, "sie als Braut heimzuführen". Sie zu lieben, gewähre "reine Wonne" (Weih 8,2; 8,17f). Doch ähnlich wie im Marienkult ist diese Frauenverehrung mit einer extrem patriarchalischen Einstellung verbunden. Sophia wird nicht etwa als Überbleibsel der Muttergöttin verehrt, sondern als Verkörperung praktischer Lebensweisheiten (á la Seneca und Schopenhauer) und einer "Verinnerlichung" des "Gesetzes". Wir haben es hier sozusagen mit einer "Freudschen" Wendung des ursprünglich matriarchalischen Inhalts ins diametrale Gegenteil zu tun.

Nirgendwo in der kanonischen hebräischen Bibel wird man ein derartiges Ausmaß an Lebens- und Frauenfeindlichkeit, antisexueller Grundhaltung und Intoleranz finden wie in diesen apokryphen Büchern. Im Buch Jesus Sirach, das mit dem Buch Weisheit eng verwandt ist, wird z.B. behauptet, die Frau habe die Sünde in die Welt getragen und ihretwegen müßten wir alle sterben (Sir 25,24) - bei Paulus wurde das später zur "Erbsünde" (Röm 5,12). Hier ist die Frau nicht mehr für das Leben, sondern für den Tod verantwortlich! Bei Sirach wird die Frau als etwas zutiefst bedrohliches dargestellt. Eine schamlose Hure, die in ihrer unersättlichen Gier nur danach trachtet, den züchtigen jüdischen Mann zu verderben. Trost findet er bei der himmlischen Jungfrau Sophia, während er die realen Frauen in seiner Umgebung in den Schmutz zieht.

Eine Renaissance erfuhr die Sophien-Mystik im Anschluß an die Reformation. Dieses Äquivalent zur katholischen Marienverehrung stellte eine Reaktion gegen den wohltuenden Einfluß dar, den die Aufhebung des Prinzips der Askese ausgeübt hatte. Die Hauptvertreter dieser anti-sexuellen Restauration im Protestantismus, der sich, Reich zufolge, "zumindest im Beginne vom Katholizismus durch seine Güte und Toleranz (unterschied)" (45:163, siehe auch 44), waren Jakob Böhme (1574-1624), Johann Georg Gichtel (1638-1710) und Gottfried Arnold (1666-1714).

Sie sponnen das Gedankengut des Buches Weisheit wie folgt weiter aus: Im Garten Eden war Sophia die ursprüngliche rein geistige Gefährtin Adams. Sie machte ihn zu einem übergeschlechtlichen, androgynen, ganzheitlichen Menschen. Als Adam aber in fleischliche Begierde geriet und sich dadurch von Gott abwandte, verlor er Sophia und damit seine weiblichen Eigenschaften. Sophia entwich zu Gott, Adam erhielt stattdessen das Weib Eva. Seit dieser Zeit gibt sich Adam Eva in, so Gichtel, "viehischer Lust" hin, während Sophia im Himmel noch immer auf ihn wartet (36).

Zu unseren drei Helden (sozusagen den "Tantrikern" des Abendlandes - vgl. Die Massenpsychologie des Buddhismus) ist Sophia zurückgekehrt, hat sich in einer "himmlischen Hochzeit mit ihrer Seele vermählt" und sich ihnen im "übersinnlichen Beilager" hingegeben. Diesen "geistlichen Ehestand", dessen Bedingung der Verzicht auf fleischliche Gelüste ist, hat Arnold in Sätzen wie den folgenden verewigt: "So spielen die lieblichen Buhlen zusammen und mehren im Spielen die himmlischen Flammen. Der eine vermehret des anderen Lust und beiden ist nichts als Liebe bewußt."

Dem keusch lebenden Gichtel erschien die himmlische Jungfrau Sophia in einer schneeweißen Wolke, als er im tiefsten Gebet versunken war. Was bei dieser Hochzeit geschah, beschreibt eine alte Lebensbeschreibung Gichtels wie folgt: "Keine eheliche Matrone kann mit ihrem Ehegatten liebreicher spielen, als Sophia mit seiner Seele tat. (...) Und wenn er schon ganze Bücher davon geschrieben hätte, so würde doch die unaussprechliche Süßigkeit nicht können ausgedrückt werden, bezeugte er öfters, besonders, da aus dem Ehe-Bett nicht gut zu schwatzen wäre."(7)

Für Gichtel sind Sophia und Christus in dem Sinne identisch, wie Christus wesensgleich mit Gott war, aber doch ganz Mensch blieb. Die Beziehung zwischen den beiden Gestalten stellte er sich wie folgt vor: Als Adam sich ein Weib zulegte, ist Sophia von ihm gewichen, wodurch er zu einem bloßen Tier unter Tieren geworden ist. Aber indem wir das Tier in uns bändigen und uns zu Jesus bekennen, "kriegen wir wieder unsere Jungfrau in ihm, die wir in Adam verloren" (36).

Das war mehr als nur sektiererische Spintisiererei, denn die Sophien-Mystik ist biblisch sicherlich besser begründet als der Marienkult! Beispielsweise legt der Paulus-Schüler Lukas in seinem Evangelium Jesus Worte aus einem Teil der obskuren "Weisheitsliteratur" in den Mund (Lk 11,49). Die allerersten christlichen Theologen müssen sich entsprechend intensiv mit der sophianischen Mystik beschäftigt haben, die sie einfach auf die Christusgestalt übertrugen. Der hochgelehrte Rabbi Paulus, den man wohl nicht ganz zu Unrecht immer wieder als sadomasochistisch veranlagten Homosexuellen einschätzte, macht dies unmißverständlich, wenn er davon spricht, daß Christus "unsere Weisheit" sei, die von Gott komme (1 Kor 1,30), und daß man in Christus Gottes Weisheit erkennt (1 Kor 1,24). Wie in Sophia enthüllt sich in Christus der Glanz Gottes (Weish 7,26 und 2 Kor 4,4). Beide sind Erstgeborene der Schöpfung (Spr 8,22 und Kol 1,15), die Schöpfer aller Dinge (Weish 8,4 und 1 Kor 8,6). Sophia erneuert alle Dinge, wie später Christus das neue Leben schenkt (Weish 7,27 und 1 Kor 8,6).

Unter allen Aposteln, "den Brüdern des Herrn und auch Petrus", war Paulus der einzige, der unbeweibt war. Das entnehmen wir 1 Kor 9,5, wo er sich arrogant über alle anderen stellt, denen er gerne gleiches auferlegen würde (1 Kor 7,7). Seine Lebensfeindlichkeit zeigt sich auch in bezug auf die Kinder. Während Jesus davon spricht, daß man erst dann ins Himmelreich eingehen kann, wenn man so wird wie die Kinder (Mt 18,3), verbindet Paulus in seinem krankhaften "Hohelied der Liebe" das Eingehen in das Himmelreich mit dem Erwachsenwerden (1 Kor 13,11f).

In Röm 8,5-8 verteufelt Paulus den eigenen Willen des Menschen, der doch in erster Linie Wille zum Leben ist, und verkehrt seinen Sinn ins Gegenteil. Nicht unsere eigenen Wünsche machen uns leben, nein, "die eigenen Wünsche führen zum Tod". Und wie sieht dieser "Gott" aus, dessen Wünschen wir uns unterordnen sollen? Paulus hat seinen Gott nach dem eigenen Bilde geformt; er hat die Menschen bereits abgeurteilt, bevor sie überhaupt etwas Gutes oder Böses getan haben! (Röm 9,11-12). "Folgt daraus, daß Gott ungerecht ist? Keineswegs! (...) Gott verfährt (...) ganz nach seinem freien Willen: Dem einen schenkt er seine Gnade, und den anderen macht er so starrsinnig, daß er sich gegen ihn verschließt" (Röm 9,14.18). Ein sadomasochistisches Spiel. In Röm 8,32 sagt uns Paulus, Gott habe nicht einmal seinen eigenen Sohn verschont, "sondern ließ ihn für uns sterben".

Christen wie er, Paulus, hätten "ihre Selbstsucht mit allen Leidenschaften und Begierden ans Kreuz genagelt" (Gal 5,24). Die Gute Nachricht des Paulus lautet: "Wir wissen genau: In uns selbst, so wie wir von Natur aus sind, ist nichts Gutes zu finden" (Röm 7,18). Und jeder, der es wagt, eine anders geartete Gute Nachricht zu verbreiten, als die von Paulus, "soll verflucht sein, auf ewig von Gott getrennt!" (Gal 1,9). Entsprechend hat Jesu Leben mit einem grauenhaften Fluch von Seiten der Frommen geendet: "Wer am Kreuz hängt, ist von Gott verflucht" (Gal 3,13 und Dtn 21,23).

In diesem Geiste rief Paulus zur mörderischen Inquisition auf: "Ich höre, daß bei euch ein unglaublicher Fall von Unzucht vorliegt. Nicht einmal unter den Völkern, die das Gesetz Gottes nicht kennen, ist es erlaubt, daß einer mit seiner Stiefmutter zusammenlebt! Und ihr bildet euch auf diesen Beweis von 'Freiheit' auch noch etwas ein! Ihr solltet vielmehr erschüttert und traurig sein und diesen Menschen aus eurer Gemeinschaft ausstoßen. Ich selbst jedenfalls habe schon gehandelt. Ich bin zwar körperlich weit entfernt, aber im Geist bin ich bei euch und habe in Übereinstimmung mit Jesus, dem Herrn, mein Urteil gefällt. Es lautet: Wenn ihr zusammenkommt und ich mit der Kraft unseres Herrn Jesus im Geist bei euch bin, müßt ihr diesen Menschen dem Satan übergeben. Der soll die verdiente Strafe an ihm vollziehen und ihn töten, damit dieser Mann, der einmal den Geist empfangen hatte, am Gerichtstag des Herrn doch noch gerettet wird" (1 Kor 5,1-5).

Wie vollkommen anders, nämlich "(s)tierisch" Jesus selbst war, zeigt sich allein schon daran, daß er den (realen) Frauen insgesamt Sympathie entgegenbringt, was nach den damals geltenden gesellschaftlichen Regeln eine unschickliche Sache war. "Jesus soll aber noch einen entscheidenden Schritt weiter gegangen sein: Konkubinen und Ehebrecherinnen nimmt er in Schutz. Dirnen verspricht er mehr Vergebung als den Keuschen im Lande" (19). Die "Hetäre" ist ohne Sünde, weil sie viel geliebt hat (Lk 7,47).

Wie beim Essen scheint der "Vielfraß und Säufer" (Mt 11,19) Jesus, wie Wedding Fricke in seiner juristischen Abhandlung über den "Christusmord" schreibt, "auch in bezug auf Frauen (...) nicht abstinent gewesen zu sein". Und weiter: "Jesus hat (...) offenbar den Ort, wo es leckere Sachen zu essen gibt, mit einem Brautgemach verglichen." Fricke erinnert an die "Szene mit erotischem Hauch" bei Lk 7,36-50, wo sich Jesus "von einer Frau - Lukas nennt sie eine 'Sünderin' - im Hause des Pharisäers Simon bedienen läßt und ihre Annäherung, die selbst dem toleranten Gastgeber zu weit geht, gutheißt". Weiter verweist Fricke auf die Toleranz, die Jesus bei dem Gespräch "mit der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen zum Ausdruck bringt (Joh 4,7-42), die immerhin fünf Männer gehabt hat und nun mit einem zusammenlebt, der nicht ihr legitimer Ehemann ist" (19). Nichtjüdische Frauen überwinden seine nationalen Vorurteile. Es waren Frauen, die ihn und seinen Kreis finanziell unterstützt haben (Lk 8,2f). Sogar Pilatus' Frau wird erwähnt (Mt 27,19).

Im apokryphen Philippusevangelium finden wir folgendes: "Die Frauen wandelten mit dem Herrn allezeit: Maria, seine Mutter, deren Schwester und Magdalena, die seine Paargenossin genannt wird (...) Maria Magdalena liebte den Soter mehr als alle Jünger, und er küßte sie oftmals auf ihren Mund. Die übrigen Jünger kamen zu ihr und machten ihr Vorwürfe. Zu ihm sagten sie: Weshalb liebst du sie mehr als alle?" Daß sich so etwas nur in den "verbotenen Evangelien" (12) findet, gemahnt an Reichs Worte: "Alles, was auf die Liebe Christi zu Frauen, wie Gott selbst sie geschaffen hat, hinweist, werden sie in tiefen, dunklen Katakomben verstecken, mit schweren Schlössern an den Türen, deren Schlüssel sie in den Fluß werfen werden. Keine menschliche Seele wird je die volle Wahrheit über die körperliche Liebe Christi erfahren" (44:179).

Maria Magdalena begleitete Jesus nach Jerusalem, stand neben seinem Kreuz und war den Evangelien zufolge die erste, die ihn nach der Auferstehung sah. Maria, seine Geliebte, mit der er ein Fleisch und Blut sein wollte (vgl. Mk 10,8); ihre genitale Liebe, die sich bis über den Tod hinaus erstreckte, war der Ausgangspunkt des Christentums.

Von dieser Warte aus, wollen wir versuchen sein Evangelium zu rekonstruieren:

 

 

4. "Das Evangelium nach Maria Magdalena"

Um ihn vor aller Welt als Ketzer wider das Gesetz Mose zu entlarven, fragten die Pharisäer Jesus, ob ein Mann sich seiner Frau durch einen Scheidebrief entledigen und das bedeutet, sie rechtlos ins sichere Verderben davonjagen dürfe. Er antwortete, indem er sich auf die ursprüngliche Schöpfungsordnung bezog: "Was Gott so vereinigt hat, sollen die Menschen nicht wieder scheiden" (Mk 10,9). Verwirrt ließen die Schriftgelehrten von ihm ab, denn jemand hatte sich auf Gott berufen, um Gottes Gesetz zu widerrufen. In seiner geheimen, für die "Auferstandenen" bestimmten Lehre, die für die Außenstehenden durch Gleichnisse verschleiert wurde (Mk 4,11), sprach sich Jesus jedoch für die unschuldige, engelhafte Freiheit aus: "Wenn die Toten auferstehen, werden sie nicht mehr heiraten, sondern sie werden Leben wie die Engel im Himmel" (Mk 12,25).

Nicht nur, daß Jesus die einseitig den Mann begünstigende Ehescheidungspraxis trotz Dtn 24,1 unter Verweis auf Gen 2,24 abgelehnt hat (Mk 10,2-12; Mt 19,3-10; vgl. Joh 8,1-11), auch die kultische Unreinheit, die die Frau viel schwerer belastete (Menstruation: Lev 15,19-30; Geburt: Lev 12), erklärte Jesus für inexistent (Mk 7,1-23; vgl. 5,25-34). Ganz allgemein verkünden die Evangelien immer wieder seine unbefangene, befreiende Hinwendung zu verschiedensten Frauen (Lk 7,36-50; 8,1-3; 10,38-42; Joh 4,27; 12,1-8) (27:94).

In den Seligpreisungen der Bergpredigt Mt 5,3-9 nennt er Attribute, die in der patriarchalischen Gesellschaft weiblich besetzt sind: geistig arm, da vom Bildungssystem ausgeschlossen; leidtragend, da die Hauptlast der Arbeit auf den Frauen ruht; sanftmütig, als primäre biologische Anlage (nicht als sekundäre patriarchalische Verbiegung); unterdrückt, deshalb Hunger nach Gerechtigkeit; Barmherzigkeit als Merkmal der Mutterschaft; reinen Herzens und friedfertig, da frei von den korrumpierenden Einflüssen der Macht. Ganz offensichtlich sah er Frauen, wie auch die Kinder, als Übermittler des Himmelreichs. Beide Gruppen waren "unbeschnitten" und nicht in "das Gesetz" eingeweiht.

Die "Stützen der (patriarchalischen) Gesellschaft" mußten wieder so werden wie die Kinder, um ins Reich Gottes zu gelangen (Mt 18,3; siehe auch 19,13-15 und 21,15f). Im 22. Logion des apokryphen Thomasevangeliums lesen wir: "Jesus sah kleine Kindlein saugen. Er sprach zu seinen Jüngern: Diese saugenden Kindlein sind denen gleich, die ins Königreich eingehen." Einem Vertreter der damaligen jüdischen Kirche, dem führenden Pharisäer Nikodemus, sagte er: "Ich versichere dir: nur wer von neuem geboren ist, wird Gottes neue Welt zu sehen bekommen" (Joh 3,3). Und im 4. Logion des Thomasevangeliums spricht Jesus: "Der Greis wird in seinen Tagen nicht zögern, ein kleines Kind von sieben Tagen [also ein noch unbeschnittenes Kind!] nach dem Ort des Lebens zu fragen, und er wird leben."

Maria Magdalena ließ ihren Gefährten Jesus benachrichtigen, sein Schwager Lazarus wolle durch ihn in die "Geheimnisse" vom Reich Gottes eingeweiht werden. Sie wußte, daß Jesus sogar das Unmögliche vermochte und "ein Kamel durch ein Nadelöhr bringen" könnte, d.h. einen Reichen ins Himmelreich (Mk 10,23-27). Er sagte, Lazarus müsse zunächst (wie Jona im Seeungeheuer) drei Tage und Nächte in der Tiefe einer Totengruft verbringen (dazu und zum folgenden siehe 54). Dann werde er, Jesus, nach Betanien kommen und Lazarus zu einem neuen Leben erwecken. Denn "wie der Vater die Toten auferweckt und ihnen das neue Leben gibt, so gibt auch der Sohn das neue Leben, wem er will" (Joh 5,21).

Als Jesus nach vier Tagen in Betanien ankam, das nur noch drei Kilometer von Jerusalem entfernt lag, fragte er nach der Gruft, in der Lazarus lag. Jesus ließ den Stein, mit dem sie verschlossen war, wegrollen und rief laut: "Lazarus, komm heraus!" Der Tote erschien in einem leinenen weißen Tuch, das um seinen nackten Körper geschlungen war. Jesus nahm das neugeborene Menschenkind am Arm und führte es in das Haus, wo er es in der folgenden Nacht in den Sinn seiner Gleichnisse einweihte.

Im alttestamentlichen Gewande tat hier Jesus nicht viel mehr als ein Schamane in Sibirien oder Nordamerika bei einem Initiationsritus: das Abstreifen aller kulturellen Verbiegungen durch ein erneutes Eintauchen in den Schoß der Mutter Erde und Auferstehung in ein erneuertes Leben. Die Vermittlung von Kontrasterlebnissen (von der Finsternis zum Licht) war ein typisches Merkmal antiker Mysterienkulte oder beispielsweise der modernen Freimaurerei. Im 2. Logion des Thomasevangeliums weist Jesus auf den existentiellen Schock hin, den solche Riten vermitteln sollen: "Laßt den Suchenden weitersuchen, bis er findet. Wenn er findet, wird er bestürzt sein. Wenn er bestürzt ist, wird er verwundert sein, und er wird herrschen über das All."

Erinnert sei auch an das Damaskus-Erlebnis von Paulus. Hier spielen ebenfalls drei Tage in der Finsternis eine Rolle, aus der er durch Handauflegen des Jesus-Jüngers Hanasias befreit wird. So wurde Paulus "zu neuem Leben geboren" (Apg 9). Von Bedeutung ist auch, daß Jesus in Mt 16,17 Simon Petrus "Barjona" nennt, was Luther (auch bei Joh 1,42 und 21,15-17) mit "Jonas Sohn" übersetzt hat. In der Einheitsübersetzung (5) und der revidierten Lutherfassung (4) wird mit "Sohn des Johannes" übersetzt. "Doch ist auch die Deutung 'Aufrührer' nicht auszuschließen" (5). In sich sind diese Verrenkungen der Theologen schon Beweis genug für meine Interpretation, daß "Barjona" sich auf, durch den Jona-Ritus, Auferstandene bezieht. Das würde auch im Gesamtzusammenhang von Mt 16,13-20 Sinn machen. Demnach könnte man hinter Joh 1,42 eine "Einweihungszeremonie" sehen.

Auch im offiziellen Christentum kennen wir eine solche magische Einweihungszeremonie: die Taufe! Sie soll von allen Sünden reinigen und neues Leben bringen. "Jesus selbst taufte übrigens nicht, das taten nur seine Jünger" (Joh 4,2). Er hatte den Jonas-Ritus, der dann später verlorengegangen ist, da er nur noch mit der Auferstehung Jesu identifiziert wurde. So ist denn auch Jesu Antwort auf die Frage der Pharisäer und Sadduzäer nach seiner göttlichen Vollmacht mit Sicherheit kein Hinweis auf seine eigene Auferstehung, sondern auf das Reich, das mit seiner Tätigkeit bereits gekommen ist: "Der einzige Beweis, den sie bekommen werden, entspricht dem, was mit dem Propheten Jona geschehen ist" (Mt 12,39).

Die absurde Auferstehung Jesu nach der Kreuzigung ist demnach als natürlicher Ausfluß des Wirkens Jesu zu begreifen. Daß der Auferstehungskomplex nichts mit physisch Toten zu tun hat, zeigt auch Jesu Gleichnis vom Vater und seinen zwei Söhnen. Der eine Sohn ist in die Fremde gegangen und hat dort in Sünde gelebt, ist also tot gewesen, doch als er heimkehrte, "ist er wieder am leben!" (Lk 15,32; siehe auch Röm 6,11).

In diesem Sinne ist Reichs Interpretation der Auferstehung vielleicht gar nicht so gezwungen: ihre wahre Bedeutung sieht er darin, daß Christus mit jedem ungepanzerten Kind neu auf die Welt kommt (44). Unsere eigene "Auferstehung von den Toten" besteht dann darin, wieder so ungepanzert wie die Kinder zu werden. Entsprechend interpretiert Ola Raknes Mt 18,3f als Hinweis auf die Natur der religiösen Konversion des Christen, die "im Prinzip ein Wiedererwachen, ein Durchbruch des spontanen vegetativen Lebens ist" (1). Die Lebensfreude des ungepanzerten Kindes bricht durch. Genau so ist die Frohe Botschaft zu verstehen: unterhalb aller Bedrückung ist das Himmelreich in uns. Es gibt ein Leben nach dem Tode, den wir schon als Kinder gestorben sind. Wie Reich in einem anderen Zusammenhang schreibt, bedeutet der Traum des Menschen von der Wiederauferstehung von den Toten nichts anderes "als seine Befreiung aus dem Zustand des emotionalen Totseins" (49:248).

Aber zurück zur Geschichte des Lazarus: Bei seiner Initiation trug Lazarus über seinem nackten Körper ein "leinenes weißes Tuch". Dazu paßt ein merkwürdiges Erzählfragment aus der Darstellung der Gefangennahme Jesu in Getsemani (54): "Ein junger Mann aber, der nur mit einem leinenen Tuch bekleidet war, wollte ihm nachgehen. Da packten sie ihn; er aber ließ das Tuch fallen und lief nackt davon" (Mk 14,51f). Zu dieser Zeit war Leinwand in Israel ein extrem teurer Stoff und wurde nur von Priestern und den höchsten Würdenträgern getragen. Sie galt auch als Kleidung der Himmelswesen. In der Geschichte vom reichen Mann und Lazarus spricht Jesus selbst davon, der reiche Mann sei "mit Purpur und köstlicher Leinwand" bekleidet (Lk 16,19-31). Und daß für Jesus bei seinen Zeremonien das Beste gerade gut genug war, zeigt die Geschichte, wo eine Frau Jesus mit sündhaft teurem Nardenöl übergießt (Mk 14,3-9). Das schließt jede profane Erklärung der erratischen Markus-Stelle aus.

Auch in der Grabhöhle Jesu taucht bei Markus "ein junger Mann in einem weißen Gewand" auf (Mk 16,5). Offensichtlich übertrug hier die Urgemeinde wieder Elemente aus dem irdischen Wirken Jesu auf österliche Ereignisse. Das gleiche trifft auf eine andere österliche Episode zu, die eindeutig mit Lazarus verbunden ist. Zunächst ist zu sagen, daß offenbar Lazarus und der "Jünger den Jesus liebte", der Verfasser des Johannesevangeliums, ein und dieselbe Person waren. Das würde erklären, warum Jesus im Angesicht des Todes den "Jünger den er liebte" (seinen Schwager) zum Sohn seiner Mutter erklärte (Joh 19,26f). Als dieser Lazarus = "der Jünger den Jesus liebte" = Johannes im Jonas-Ritus sein Grab verläßt, ist er mit Binden umwickelt "und sein Kopf war mit einem Tuch verhüllt" (Joh 11,44). Dazu gibt es eine klare Parallele zum Grab, in dem Jesus lag, nachdem er von Josef aus Arimathäa in ein Leinentuch gewickelt worden war (Mk 15,46): Nach drei Tagen kommt "der Jünger den Jesus liebte" und sieht vor dem Grab Leinenbinden liegen "und das Tuch, das sie Jesus um den Kopf gebunden hatten. Dieses Tuch lag nicht bei den Binden, sondern war für sich zusammengefaltet." Ausgerechnet angesichts der Binden und des Tuches gelangt "der Jünger den Jesus liebte" zum Glauben (Joh 20,3-7).

Auffallend ist auch, daß "die Frau, die Jesus liebte", in gleicher Weise doppelt auftritt. Die Tradition nahm stets an, daß Maria aus Magdala nicht nur identisch ist mit der Maria aus Betanien, Martas Schwester (Lk 10,38-42; Joh 11,1-32), sondern auch mit der "armen Sünderin" (Lk 7,36-50) und der bereits erwähnten Frau, die beide Jesus mit kostbarem Nardenöl salben (Mt 26,6-13). Offenbar gehörte diese Salbung ebenfalls zum Jonas-Ritus. Nur so läßt sich die im kulturellen und klimatischen Kontext vollständig absurde Stelle Mk 16,1-3 erklären, wo Maria Magdalena und die anderen Frauen den im versiegelten Grab bereits in Verwesung übergegangenen Leichnam Jesu einbalsamieren wollen! Und überhaupt entspricht das Einwickeln mit Leinen und das Einbalsamieren mit "hundert Pfund (sic!) Myrrhenharz mit Aloe" ganz und gar nicht der "jüdischen Begräbnissitte" (Joh 19,39f), sondern den Ritualen hellenistisch-ägyptischer Mysterienkulte!

Von den allerersten Christen wissen wir, daß es im Umkreis Jesu die Vorstellung gab, man könne schon zu Lebzeiten in den Himmel gelangen. So berichtet Paulus von einem "bestimmten Christen, der vor vierzehn Jahren in den dritten Himmel versetzt wurde" (2 Kor 12,2). Hier ist es dann m.E. nur ein konsequenter Schritt, wenn man davon ausgeht, daß Jesus an eine Auferstehung der "Toten" im Hier und Jetzt glaubte. Dies ist doch praktisch heute noch, wenn auch in abgeschwächter Form (Erlösung durch den angeblichen "Opfertod" Jesu), fester Glaubensbestandteil der Christenheit: mit der Taufe ist man erlöst! Auf die Frage der Jünger nach dem Tag der Auferstehung der Toten und der Einrichtung einer neuen Welt antwortete Jesus im 51. Logion des Thomasevangeliums: "Die, nach der ihr Ausschau haltet, ist schon gekommen, aber ihr erkennt sie nicht."

Daß Jesus das ganze Heilsgeschehen und "das Leben nach dem Tod" brutal in die Gegenwart gerissen hat, sieht man auch daran, daß er sich überhaupt nicht für das "Problem" des "wirklichen Todes" interessiert hat: "Überlaß es den Toten, ihre Toten zu begraben" (Mt 8,22). Für Jesus war Gott "ein Gott der Lebenden, nicht der Toten!" (Mt 22,32). Außerdem war seine ganze Lehre so auf das vertrauensvolle Loslassen und auf Sorglosigkeit (Mt 6,25-34) gerichtet, daß sie jeder "christlichen" Sorge um das persönliche "Seelenheil" ins Gesicht schlägt. Mit ihrer Sorge um ihre unsterbliche Seele verlieren die "Christen" alles, denn "wer sein Leben festhalten will, wird es verlieren" (Mt 10,39).

Entsprechend ist wohl auch die Reaktion auf den Jonas-Ritus für Jesu Untergang verantwortlich. Der existentielle Schock von Tod und Neugeburt hatte manche Eingeweihten nur verängstigt und die "Geheimnisse" Jesu waren für sie nichts als eine große Enttäuschung. Die Verkündigung der ursprünglichen Schöpfungsordnung und der unmittelbaren Vertrautheit mit Gott im eigenen Herzen erschien ihnen immer mehr wie reine Ketzerei und als Angriff auf den mosaischen Gesetzesglauben. Die Auferstehung galt den Frommen als der ultimative Ausdruck der über den Tod hinausreichenden Treue Gottes zu seinem auserwählten Volk. Doch hier verkündigte einer, die Zeit der Auferstehung sei schon angebrochen. Ja, er sagte sogar: "Ich bin die Auferstehung und das Leben" (Joh 11,25). Jene, die an ihn glauben, hätten "den Tod schon hinter sich gelassen und das unvergängliche Leben erreicht" (Joh 5,24). Jesus behauptete auch, der Buchstabe des Gesetzes würde zum Tode führen, der von ihm verkündigte freie Geist jedoch zum Leben! (2 Kor 3,6). In der Nachfolge Jesu sollte später Stephanus verkündigen, das Gesetz stamme gar nicht direkt von Gott, sondern wäre von Engeln übermittelt worden (Apg 7,38.53; siehe auch Gal 3,19), was typisch gnostischem Gedankengut entspricht: das Gesetz ist das Werk gefallener Engel, die den Menschen versklaven wollen (Röm 8,38; Gal 4,3; 4,8f; Eph 6,12; Kol 2,20-23).

Judas, ein enttäuschtes "Opfer" des Jonas-Ritus, entschloß sich, in Jerusalem gegen Jesus Zeugnis abzulegen. Infolge entschieden die Hohepriester und Schriftgelehrten, daß Jesus des Todes sei. Jesus wurde der verhaßten heidnischen römischen Obrigkeit ausgehändigt, dem "Satan" überantwortet. (Wie übrigens später auch Paulus: Apg 21-28.) Das entspricht exakt der Forderung des frühen Kirchenfunktionärs, der den ersten Brief an Timotheus verfaßt hat (Paulus ist nicht der Autor), Hymenäus und Alexander dem Satan zu überantworten, auf daß er sie bestrafe (1 Tim 1,20). Interessanterweise hat die frühe Kirche den beiden das gleiche vorgeworfen, was vorher die jüdische Kirche Jesus angelastet hatte. Im zweiten Brief an Timotheus wird auf "fruchtlose Diskussionen vor der Gemeinde" hingewiesen, die von Hymenäus und einem gewissen Philetus ausgehen, "die den Weg verlassen haben und sagen, unsere Auferstehung sei bereits geschehen. Damit bringen sie manche vom wahren Glauben ab" (2 Tim 2,18). Ich bin überzeugt, daß Hymenäus und Philetus Jesu originale Lehre vertraten und daß die christliche Polemik gegen sie exakt der jüdischen gegen Jesus entsprach.

 

 

5. "Die Kirche Jesu"

Die Bewegung, die Jesu originale Lehre vertrat, wurde zwar bald nach seiner Ermordung ebenfalls zum Schweigen gebracht, konnte aber nicht ganz unterdrückt werden, weil diese Lehre das eigentliche Faszinosum und Kraftquelle des Christentums ist und deshalb immer wieder von neuem aus den entsprechenden bereits zitierten und noch zu zitierenden Stellen des Neuen Testament erstehen kann. Eine der geschichtlichen Linien, die beispielhaft für die wahre "Kirche Jesu" steht, nahm um 500 ihren Anfang, als ein nicht weiter identifizierbarer syrischer Gelehrter unter dem Pseudonym "Dionysius Areopagita" die neuplatonische Philosophie systematisch mit dem Christentum verknüpfte. Die stufenweise Emanation, die der Neuplatonismus lehrte, formte er in eine "himmlische Hierarchie" der Engel um, die ihre irdische Entsprechung in der "kirchlichen Hierarchie" fand. Nur Gott selbst sollte keinerlei Prädikate haben.

Im Westen wurde Dionysius durch die Arbeit des irischen Mönchs Johannes Eriugena (ca. 810-ca. 880) bekannt. Was Reich in Christusmord über Giordano Bruno sagt, trifft ebenso auf Eriugena zu: er kannte das Gesetz der gleichzeitigen funktionellen Identität und Gegensätzlichkeit, wenn auch nur in abstrakter Form. Die Philosophiegeschichte identifiziert Eriugena als den Ausgangspunkt einer Entwicklung, die schließlich im Orgonomischen Funktionalismus kulminieren sollte: "Er konnte (...) Einheit denken als bewegte Einheit von Gegensätzen; damit bereitete er den Weg für Nikolaus von Kues, Giordano Bruno, Hamann und Hegel" (14:175).

Im Gegensatz zu Dionysius sah Eriugena den Menschen nicht nur am unteren Ende einer Hierarchie, der er sich passiv ausliefern muß, um zu Gott zu gelangen, sondern als aktiv tätigen Geist, der durch sein Denken die entfaltete Welt wieder vereinigt und so zu ihrem Ursprung zurückführt. Der Mensch faßt die Welt zusammen und vergöttlicht sie so. Implizit bedeutete dies natürlich eine Infragestellung der "kirchlichen Hierarchie". Diese Tendenz zeigt sich auch daran, daß Eriugena Himmel und Hölle nicht als reale Orte, sondern als Bewußtseinszustände betrachtete.

Trotz all dem galt er drei Jahrhunderte hindurch nicht im entferntesten als häretisch. Erst 1210 wurden seine Werke verurteilt und verbrannt. Die Schuld daran trug der Theologe Amalrich von Bena, ein Dozent an der Pariser Universität. Er formte Eriugenas Ideen zu einem konsequenten Pantheismus um. 1204 wurde er von seinen theologischen Kollegen verklagt und daraufhin vom Papst zum Widerruf gezwungen. Seine pantheistischen Anschauungen mußten mit der Vorstellung in Konflikt geraten, daß sich exklusiv beim Abendmahl Brot und Wein in Leib und Blut Christi umwandeln. Überhaupt machten Sakramente angesichts einer solchen Weltheiligung und ihres "Pansakramentalismus" keinen Sinn mehr. Und selbst die Moral und Ethik der Kirche mußten zu nichts werden, denn schließlich sei ja aller Wille letztlich göttlicher Wille und deshalb Gewissensbisse unnötig. Ganz "paulinisch" wurde bei Amalrich die göttliche Gerechtigkeit restlos von der göttlichen Gnade verdrängt. Die Liebe würde alles heiligen und alles was in Liebe geschehe, sei ohne Sünde.

Bis sie 1210 von der Inquisition verbrannt oder lebenslänglich eingekerkert wurden, wandelten Amalrichs Schüler, die "Amalrikaner", seine rein philosophische Seinslehre in eine praktische Lebenslehre um. Ja, indem sie pantheistische Philosophie und paulinische Theologie mit der theologischen Geschichtsspekulation von Joachim von Fiore verbanden, riefen sie sogar eine neue Heilslehre ins Leben.(8)

Wie viele andere Sekten und Gegenkirchen glaubten auch die Amalrikaner, daß, ähnlich wie einst Gottvater in den Patriarchen und der Gottessohn in Maria inkarniert worden waren, nun in ihnen der Heilige Geist fleischgeworden sei. Durch den Heiligen Geist hätten sie allen bloßen Glauben überwunden und seien ins Licht der vollen Erkenntnis getaucht. Als typische Gnostiker betrachteten sie sich als "auferstanden" und damit frei von Sünde.

Für sie galt "eine neue Ethik, die nichts von 'Sünde' nach dem Maßstab der moralischen Normen und nichts von Reue und Buße weiß, die vor allem die bisher gültigen Gesetze der Geschlechtsmoral außer Kraft setzt; und die Pariser Ketzer sind in dieser Beziehung offenbar nicht bei theoretischer Betrachtung stehen geblieben. Sie haben sich damit allerdings besonders empfindlich dem moralischen Abscheu nicht nur ihrer Zeitgenossen, sondern auch der Nachwelt ausgesetzt" (21:371).

Ähnliche "Ketzer" sind immer wieder aufgekommen. Beispielsweise deckte die Inquisition ab 1270 im Nördlinger Ries eine den Amalrikanern verwandte und hauptsächlich von Frauen getragene "Ketzerei des neuen Geistes" auf. Mit dem "neuen Geist" ließen diese Frauen alle kirchliche Heilsvermittlung und alle sittlichen Gebote hinter sich: "Wer ein Kind Gottes ist, sündigt nicht mehr, weil Gottes Leben in ihm wirkt" (1 Joh 3,9). Da die Seele selbst von göttlicher Substanz sei, würden sie Gottes nicht mehr bedürfen. Was immer sie auch täten, sei frei von Sünde (22:G46).

Derartiges Gedankengut fand im und durch das "Beginentum" weiteste Verbreitung. Aufgrund eines Frauenüberschusses, der nicht mehr durch Nonnenklöster und Bordelle aufgefangen werden konnte, fanden sich ab 1170 alleinstehende fromme Frauen in "Beginenhöfen" zusammen, um dort von Almosen und eigenem Handwerk zu leben, in der Hauptsache aber karitativ tätig zu sein. Sie (und später auch Männer, die sich entschlossen, genauso zu leben - die "Begarden") waren allen möglichen sittlichen Verdächtigungen ausgesetzt, so daß sich die Inquisition schließlich auch gegen sie wandte. Auf dem Vienner Konzil 1311 kam es zu einem allgemeinen Beginenverbot, wobei der Papst acht krasse Irrlehren der deutschen Beginen und Begarden verdammte: "Der Mensch könne auf Erden einen Grad der Vollkommenheit erreichen, daß er sündlos wird; er braucht dann nicht mehr zu fasten und zu beten, keinem Menschen und nicht der Kirche zu gehorchen; er übt nicht mehr, sondern 'läßt' die Tugenden, kann auch dem Leib gewähren, wozu die Natur drängt, denn alle Sinnlichkeit ist dann völlig vergeistigt im 'Geist der Freiheit'. Wer so vollkommen wird, ist von Natur selig schon im Diesseits, nicht der Gnade bedürftig; er würde aus hoher, reiner Kontemplation herabsteigen, wenn er noch die Altarsakramente verehrte und an Christi Leiden dächte" (22:G54).

Die ganze "freigeistige" Bewegung der damaligen Zeit wird heute zumeist unter dem Begriff "Brüder und Schwestern des freien Geistes" zusammengefaßt. Dieser Name wird zuerst 1317 in Straßburg bezeugt, wo häretische Beginen und Begarden verurteilt wurden, die sich selbst als "Sekte vom freien Geist" oder als "Brüder und Schwestern freiwilliger Armut" bezeichneten. Die Nachwelt hat sie als "Nihilisten des Mittelalters" gebrandmarkt. Im katholischen Lexikon für Theologie und Kirche ist zu lesen, die Brüder und Schwestern hätten die Freiheit des Geistes verkündet, "aber die des Fleisches geübt" (32). Das dtv Wörterbuch der Kirchengeschichte spricht denn auch von "pseudo-mystischen Sekten", die von Mystikern wie Eckhart, Tauler, Seuse und Ruysbroek literarisch bekämpft wurden (13).

Die Brüder und Schwestern glaubten mit 2 Kor 3,14, die Verschleierungsdecke der betrügerischen Pfaffen vom Evangelium Christi genommen zu haben. Es ist kein Zufall, daß sie sich immer wieder auf den zumindest teilweise in die jesuanische Geheimlehre eingeweihten Paulus berufen konnten: "Wenn aber der Geist Gottes euer Leben bestimmt, dann steht ihr nicht mehr unter dem Zwang des Gesetzes" (Gal 5,18). "Dem Gerechten ist kein Gesetz gegeben" (1 Tim 1,9 [4]). "Jetzt sind wir vom Gesetz befreit; wir sind tot für das Gesetz, das uns früher gefangen hielt. Darum dienen wir Gott nicht mehr auf die alte Weise nach dem Buchstaben des Gesetzes. Sein Geist macht uns fähig, ihm auf eine neue Weise zu dienen" (Röm 7,6). Wie für Jesus war auch für die Brüder und Schwestern nicht die Zeit des Fastens, sondern die Zeit der Freude angebrochen (Lk 5,34).

1419 hielten hussitische Geistliche auf einem Hügel in Böhmen einen Gottesdienst ab, in dessen Verlauf das herbeiströmende Volk von einem derartigen religiösen Überschwang erfaßt wurde, daß sie sich wie die Jünger bei der Verklärung Jesu auf dem Berg fühlten (Mt 17,1-8). Wie Petrus begannen sie, Hütten zu errichten. Daraus entwickelte sich mit der Zeit eine befestigte Ansiedlung. Sie wurde zum Zentrum der radikalen Hussiten, deren Ziel die Errichtung des Gottesstaates nach dem Muster der alttestamentlichen Richterzeit war. Dementsprechend wurde der Hügel "Tabor" genannt (vgl. Ri 4,6). Um die Gottesherrschaft zu errichten, riefen die Taboriten zum sozialrevolutionären Heiligen Krieg auf, der alles Widergöttliche ausmerzen sollte. Die joachitischen Weissagungen sollten mit Gewalt durchgesetzt werden. Entsprechend beriefen sie sich hauptsächlich auf die apokalyptischen, das Strafgericht verkündenden Stimmen der Bibel.

Andere taboritische Fraktionen schlossen demhingegen aus den joachitischen Weissagungen, daß mit dem heranbrechenden Dritten Reich sich nun der Geist unmittelbar mitteile und deshalb die Bibel überflüssig geworden sei. Noch radikalere meinten, damit sei auch jedes biblische Gebot hinfällig geworden. Die von Adam herstammende Sünde sei aufgehoben und gleichzeitig damit jedes Gesetz gegen die Sünde. Deshalb nannte man sie "Adamiten". Eine andere Bezeichnung lautete "Pikarden", eine Verballhornung von "Begarden". Diese libertinistischen Taboriten wurden auch mit den "Nikolaiten" aus der Offenbarung des Johannes identifiziert. Eine Bezeichnung, die mit Nikolaus von Antiochia in Verbindung gebracht wird, der zu den sieben Helfern der Apostel gehörte (Apg 6,1-6).

Nebenbei gesagt beweist dies, daß unmittelbar an Jesus und seine Apostel libertinistisches Gedankengut anschließt. In den Sacherklärungen der Einheitsübersetzung ist über die Nikolaiten zu lesen: "Über ihre Lehre ist nicht viel bekannt. Wahrscheinlich fühlten sie sich als Christen hoch erhaben über alles Irdische und meinten, auch Unzucht und Teilnahme an den Götzenopfern könne ihnen nicht mehr schaden" (5). Der Christus der Offenbarung läßt der Gemeinde von Ephesus versichern: "Doch eins spricht für euch: Ihr haßt das Treiben der Nikolaiten genauso wie ich" (Offb 2,6). Während er der Gemeinde von Pergamon droht: "Es gibt unter euch auch einige, die der Lehre der Nikolaiten folgen. Kehrt um! Sonst komme ich bald zu euch und werde gegen diese Leute mit dem Schwert aus meinem Mund Krieg führen" (Offb 2,15f).

Pflichtgetreu folgten die sittenstrengen Taboriten dieser Weisung und verhängten das göttliche Strafgericht über die Brüder und Schwestern. Sie wurden unbarmherzig verfolgt und in schweren Kämpfen niedergemacht. Die wenigen Überlebenden wurden nach der Ausmerzungsaktion lebendig verbrannt.

Aus der Reformationszeit ist Sebastian Franck (1499-1543) von besonderem Interesse. Er war zunächst katholischer Geistlicher, der unter dem Einfluß Luthers mit dem Katholizismus brach und ein protestantisches Pfarramt übernahm. Bald merkte er, daß seine Predigerei keine Früchte trug. In radikaler Nachfolge Christi gab er seine sichere geistige und materielle Existenzgrundlage auf, löste sich von seiner Kirche und schlug sich bis zu seinem frühen Tode als Seifensieder durch. Die Vertreter aller Glaubensfraktionen, sogar der Humanist Erasmus von Rotterdam, verfolgten ihn mit unbändigem Haß.

Franck betrieb die "Reformation der Reformation". Luther hätte sich wohl vom "Papismus" losgesagt, den Lutheranern sei nun jedoch die Bibel zum "papierenen Papst" geworden. Der rigiden Rechtgläubigkeit hielt Franck die Freiheit des Heiligen Geistes entgegen. Wie bei den Amalrikanern verband sich bei ihm Christusmystik paulinischer Prägung mit einer pantheistischen Grundhaltung. "Amalrikanisch" ist auch, daß hier "Mystik" rationalistische Züge annimmt. Er übt Kritik an der wörtlichen Interpretation der Bibel und hält die Aussagen der Bibel gegen das Maß der Vernunft. Das gleiche macht er mit jedem Gesetz und jedem Gebot. Der Christ braucht keine Gesetze. Franck hält die christlichen Riten und selbst die Zehn Gebote für rein zeitbedingt. Sie stellen für ihn keine absoluten Werte dar. Ebenso sind auch "Gut" und "Böse" für ihn keine absoluten metaphysischen Größen, sondern relative Begriffe. Aber nicht nur das angebliche "Wort Gottes", sondern Gott selbst wird relativiert. Von einem "objektiven" äußeren Herrn wird Gott zu einer rein subjektiven Gegebenheit: "Gott ist also den Verkehrten verkehrt, dem Stolzen stolz, dem Reichen reich, dem Wollenden willig, und in Summa: einem jeden, wie er ihn selbst findet und will." Wie bei Dionysius Areopagita verflüchtigt sich Gott zu Nichts, denn man kann nichts über ihn aussagen, außer was man in ihn hineintut (15; 37).

 

 

6. Christus und die Revolution

Im Rahmen des "jüdisch-christlichen Dialogs" wird heute gerne Jesu Bruch mit dem mosaischen Gesetz in Abrede gestellt. Dahinter mögen sich noble Absichten verbergen, es ist aber trotzdem falsch. Der bekannte protestantische Theologe Heinz Zahrnt macht dies auf unübertroffene Weise deutlich, wenn er sagt, in Mt 19,3-12 konstatiere Jesus "eine Kluft zwischen Gottes ursprünglichem Schöpferwillen und dem geltenden Gesetz" (61). Radikaler hätte Jesus das Judentum gar nicht in Frage stellen können! Von katholischer Seite meint denn auch Pfarrer Horst Georg Pöhlmann, daß Jesus einer neuen nicht-mosaischen Ordnung das Wort redete, die aber eigentlich die älteste Ordnung sei, "die unter dem Schutt späterer Menschensatzungen begraben wurde. Jesus wollte die ursprüngliche Schöpfungsordnung erneuern. Er war also ein 'konservativer Revolutionär'. Der status quo wurde im Namen der Schöpfungsordnung aufgehoben" (40).

Jesus war kein Jude, steht doch in einem der ältesten Quellen des Neuen Testaments, dem Römerbrief, daß es für Jesus "nichts gibt, durch dessen Berührung der Mensch vor Gott unrein wird" (Röm 14,14). Aber wenn das Judentum durch irgend etwas gekennzeichnet ist, dann ist es eben die Unterscheidung rein/unrein, koscher/nicht-koscher!

Max Stirner verdeutlicht diese Grundtendenz des Christentums, wenn er schreibt, die Christen würden alles als wertlos verwerfen, worauf die Alten den größten Wert legten: "Die hohe Bedeutung des Vaterlandes verschwindet, und der Christ muß sich für einen 'Fremdling auf Erden' (Hebr 11,13) ansehen, die Heiligkeit der Totenbestattung (...) wird als Erbärmlichkeit bezeichnet ('Laß die Toten ihre Toten begraben'), die unverbrüchliche Wahrheit der Familienbande wird als eine Unwahrheit dargestellt, von der man nicht zeitig genug sich losmachen könne (Mk 10,29), und so in Allem" (56:16f).

Im Evangelium ist der Weg zur Befreiung beispielhaft vorgezeichnet: Zu Beginn seiner Sendung sieht sich Jesus ausschließlich als Jude, dessen Mission allein den Kindern Israels gilt (Mt 10,5f). Bei einem Aufenthalt außerhalb Israels überwindet er seine nationale Beschränkung mit Hilfe des Vertrauens, das ihm eine nichtjüdische Frau schenkt (Mt 15,21-28). Jesus wird zum "Menschensohn" - ben-adam: das der Gattung Mensch zugehörige "gesetzlose" Einzelwesen (sozusagen ein "Adamit"). Schließlich sprengt er auch diesen Gattungsbegriff. Er allein kennt den Vater (Mt 11,27). Der Menschensohn wird zum Sohn Gottes (Mt 16,16f). Als solcher hebt er das Judentum auf, indem er sich über den Tempel stellt und sich zum Herren des Sabbat macht (Mt 12,6.8). Endlich hebt er den Gottesglauben auf: "Ich und der Vater sind eins" (Joh 10,30). Oder mit Stirner: "In der Tat schließt die alte Geschichte damit, daß Ich an der Welt mein Eigentum errungen habe. 'Alle Dinge sind Mir übergeben von Meinem Vater' (Mt 11,27)" (56:102).

Das entspricht dem Ende einer erfolgreichen Orgontherapie. Der Patient "bedarf nunmehr der Stütze des Glaubens an einen allmächtigen Gott und der moralischen Hemmung nicht mehr. Er ist Herr im eigenen Haus und lernt, seinen sexuellen Haushalt selbst zu regulieren. Die Charakteranalyse (...) löst die Gottesbindung, die eine Fortsetzung der Vaterbindung ist" (42:170, Hervorhebungen hinzugefügt). Dem biblischen Verdikt des Vatergottes "Du gehörst mir!" (Jes 43,1) wird das autonome "Ich bin Eigner meiner selbst!" (Stirner) entgegengehalten. Dem "Ich habe meine Sache auf Dich gestellt" (Jer 20,12), das "Ich habe meine Sache auf Mich gestellt" (Stirner).

Jesus will die schwere Last des Vaters, das Über-Ich, von den Menschen nehmen: "Ihr plagt euch mit den Geboten, die die Gesetzeslehrer euch auferlegt haben. Kommt doch zu mir; ich will euch die Last abnehmen!" (Mt 11,28). Zu dieser Grundhaltung Jesu schreibt der evangelische Neutestamentler Herbert Braun: "Jesus versteht Gott nicht als Instanz, vor der man etwas verdienen kann, sondern als den Vorgang, in welchem der böse und hoffnungslose Mensch Zukunft und Hoffnung bekommt." Für Jesus höre Gott auf, "eine den Menschen durch Furcht zwingende äußere Autorität zu sein" (9:130, Hervorhebungen hinzugefügt).

Man lese nur Paulus, der (geschichtlich) Jesus am nächsten steht: "Gott hat euch zur Freiheit berufen, Brüder!" (Gal 5,13). Dann folgt wohl, wie immer bei Paulus, ein völlig unjesuanisches "aber", das alles zurücknimmt und in sein Gegenteil verkehrt (siehe auch 1 Kor 6,12ff), "aber" die Freiheit bleibt doch die unbestrittene Quintessenz der Botschaft Jesu (Joh 8,32). Ich muß mein Leben nach keinem moralischen Gesetz ausrichten, um meinem Gott (dem Über-Ich) zu gefallen, um die Liebe meines "Vaters im Himmel" zu erlangen. Der Gott des Alten Bundes ist Tod. Und der Gott des Neuen Bundes gibt kein Gesetz, sondern seinen Geist der Freiheit. Der Buchstabe des Gesetzes führt zum Tod; der Geist aber führt zu neuem Leben (2 Kor 3,6). "Christus hat uns befreit; er will, daß wir auch frei bleiben. Steht also fest und laßt euch nicht wieder zu Sklaven machen! (...) Wenn ihr euch beschneiden laßt [als Zeichen der Unterwerfung unter Gottes Gesetz], habt ihr von Christus nichts mehr zu erwarten" (Gal 5,1f).

Jesus steht für das Ende der Knechtschaft unter dem Vater, deren sinnbildlichster Ausdruck die halbvollzogene Kastration, die Beschneidung ist. Paulus sagt spöttisch über die "gesetzestreuen" Judenchristen: "Wenn sie schon so viel Wert aufs Beschneiden legen, dann sollen sie sich doch gleich kastrieren lassen" (Gal 5,12). Genauso satirisch überspitzt ist wohl auch Jesu Bemerkung über jene zu werten, "die sich selbst verschnitten haben, um des Himmelreichs willen" (Mt 19,12). Oder der Aufruf, sein Auge auszureißen, wo ursprünglich wohl der Penis gemeint war (Mt 5,29; 18,9). Überhaupt sind alle derartigen Äußerungen Jesu so zu verstehen. Man spürt eine hinterhältige Eulenspiegelei, wenn er das mosaische Gesetz derartig auf die Spitze treibt, daß es in sein Gegenteil umkippt.

Jesus als bitterböser Narrenkönig, der die Herrschaft und ihr Gesetz gemeinerweise beim Wort nimmt? Immerhin wurde er als "Narrenkönig" verhöhnt (Mt 27,27-31) und als solcher ans Kreuz genagelt ("INRI").(9)

Das Umstürzlerische an Jesus kann man an Aussagen wie der folgenden Antwort ermessen, die er den Pharisäern gab, warum er denn das unreine sündige Gesindel an seinen Tisch bitte: "Ich soll nicht die in Gottes neue Welt einladen, bei denen alles in Ordnung ist, sondern die ausgestoßenen Sünder" (Mt 9,13). Nicht für die, die sich Verdienste erworben haben, ist der Tisch Gottes gedeckt, sondern ausgerechnet für jene, die keinerlei Gegenleistung erbracht haben. Leute wie die Zolleintreiber, die für Volksfeinde und dabei auch noch in die eigene Tasche arbeiten. Eine solche Haltung ist der denkbar schwerste Affront gegen jedwede Religion: vom Buddhismus bis zum Islam. Jesus hat sich ungefähr so verhalten, wie ein heutiger Pastor, der seiner treuen, in der Gemeindearbeit aufopferungsvoll engagierten, sonntäglichen Zuhörerschaft verkünden würde, nicht ihnen gelte die Verheißung, sondern denen, die den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Den Frommen sagt Jesus: "Ich versichere euch: die Zolleinnehmer und Prostituierten werden eher in die neue Welt Gottes eingehen als ihr" (Mt 21,31).

Seine Gleichnisse, wie z.B. das vom verlorenen Schaf (Lk 15,1-7) und insbesondere das vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32), sprechen jeder Vernunft und jeder Gerechtigkeit Hohn, oder man denke an das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-15). Das ist das Ende jedes Rechtssystems. Im Gleichnis vom untreuen Verwalter wird direkt zu Straftaten aufgerufen (Lk 16,1-9). In Lk 22,37 zählt sich Jesus zu den Verbrechern. "Gewissen" war eh nicht seine Sache. "Es war Paulus, der den Begriff 'Gewissen' in die christliche Theologie eingebracht hat. Außer in seinen Briefen (14 mal) erscheint es im Neuen Testament fast nur noch in den Schriften aus seiner Schule (16 mal)" (41). Entsprechend gab es von Anfang an stets libertinistische Christen, die "die Botschaft von der Gnade Gottes als Freibrief für ein zügelloses Leben" benutzten (Jud 4). Jesu wahre Schüler verneinten jedes Sittengesetz; Gewissensbisse sei überflüssig und schädlich.

Was das Urchristentum im Kern antrieb, kann man sich anhand eines geschichtlich greifbareren "Messias" vergegenwärtigen, der ein ähnlicher "Vernichter" (vgl. Mt 21,19) war wie Jesus - wenn er auch kein Christus war, sondern ganz im Gegenteil ein Modju. Die Rede ist von Sabbatai Zwi (1626-76). Im Jahr 1648, das mittels kabbalistischer Zahlenmagie als Beginn der messianischen Ära festgelegt worden war, stand er während der Sabbatfeier in einer Synagoge in Smyrna auf und sprach den mystischen Namen Gottes aus, wie es einst nur der Hohenpriester, bzw. eines Tages der Messias tun durfte, und machte sich so zum Messias-Anwärter. Daraufhin wurde der rabbinische Bann gegen Zwi ausgesprochen, genauso wie einst gegen Jesus, nachdem dieser vor dem Sanhedrin den Heiligen Namen aussprach, wie er es vorher in Mt 10,26 angekündigt hatte.

Das schlimme Schicksal der Juden ausgerechnet 1648, nämlich der Kosakensturm unter Chmielnitzki, hatte so manchem Juden gezeigt, daß die Tora tot ist. So konnte nur noch der Messias helfen, - der, gemäß der Dialektik des jüdischen Messianismus, aus dem von der Tora bestimmten Judentum heraustritt.(10) Hinzu kam die Dialektik des Kabbalismus, dessen Hauptwerk, der Sohar, lehrte, "daß in der Gnadenzeit, in der Welt der Ordnung, die Gesetze des Judentums, die Ritualien über Erlaubtes und Verbotenes, vollständig ihre Bedeutung verlieren würden" (20:64).

In Saloniki feierte Zwi Heilige Hochzeit mit der Tora, die man sich kabbalistisch, der spätbiblischen Tradition folgend, als weiblich personifizierte Weisheit ("Sophia") vorstellte. Er und die Tora wurden eins, so daß er diese ersetzen konnte (20:55f). Daraufhin pries er ständig Gott "der erlaubt, was verboten ist".

Dieser antinomistische Libertinismus war geprägt durch eine Mischung aus krankhafter Askese und perverser sexueller Freizügigkeit. Sabbatai nahm sich ein junges Mädchen von zweifelhaftem Ruf zur Frau, da es messianische Fügung sei, daß er wie der Prophet Hosea eine Dirne heimführe. Er zwang andere Männer mit seiner Frau zu schlafen, ließ Jungfrauen zu sich kommen, die er unberührt zurückgab und ehelichte eine zusätzliche Frau, die bereits verlobt war, was einen schweren Verstoß gegen das jüdische Gesetz darstellte. Schon vor seiner Messianität hatte er zweimal hintereinander geheiratet und sich nach wenigen Monaten scheiden lassen, ohne seine Frauen angerührt zu haben.

Zwi war, nach allem was wir wissen, ein impotenter, homosexueller und manisch-depressiver, unberechenbarer Modju mit einer unglaublich charismatischen Ausstrahlung, wie sie dieser Charakterstruktur eigen ist. Abertausende von Juden hat er mit seinen leeren Versprechungen in den Ruin, in die seelische Verzweiflung und in den Tod getrieben. Seine Gegner terrorisierte er und zwang sie, wie er, die Speisegebote zu brechen. Mit Gewalt besetzte er gegnerische Synagogen. "Es wurde als religiöse Pflicht angesehen, Widersacher Sabbatais selbst am Sabbat zu erschlagen" (30:81). Als er aber schließlich selber vom türkischen Sultan vor die Alternative Folter oder Konversion gestellt wurde, trat er zum Islam über - und sogar dieser Abfall wurde ihm von manchen als messianische Fügung abgekauft.

In (bei näherem Hinsehen) verblüffender Übereinstimmung mit der absurden Moral von Jesu Parabeln, lief auch(?) Zwis Lehre darauf hinaus, daß man zuerst ins Böse hinabsteigen müsse, um zu spiritueller Freiheit gelangen zu können. Dieser Abstieg in die mittlere, Sekundäre Schicht der Charakterstruktur erzeugt aber nichts als Gemeinheit, Zynismus und unheilvolles Chaos, wie die Geschichte des Sabbatianismus exemplarisch zeigte.

Besonders schlimm trieb es Jakob Frank (1726-1791) aus Ost-Galizien, der es fertig brachte, als "Reinkarnation" Zwis ein noch verruchteres, noch lügnerisches Leben zu leben. Er behauptete, eine sündige Zeit müsse der messianischen Epoche vorangehen, was insbesondere die sexuellen Tabus betraf (30:97). Frank nihilierte das gesamte Judentum durch Übertretung aller guten Sitten, aller Gebote und Verbote, selbst der Inzestschranke. "Dabei mischten sich uralte vorderasiatische, matriarchalische Kultkomponenten mit hinein. Die Anhänger Jakob Franks umtanzten bei ihren Sexorgien auf der Basis der Promiskuität zugleich ein nacktes Frauenzimmer, das sie für die weibliche Hypostase der Gottheit hielten" (29:207). Aus der Schechina Gottes (der rabbischen Entsprechung der "Sophia") wurde die lebendige "Matronita eljona", Franks Tochter Eva, die die Frankisten bei ihren Riten anbeteten.

Frank erklärte "das Gesetz" für Tod und stattdessen die "Heiligkeit der Sünde" unter dem sabbatianischen Gott, der das Verbotene erlaubt. Er trat schließlich auf eine unglaublich zynische Weise zum Katholizismus über. Um seinen fanatischen Haß auf das rabbinische Judentum auszuleben, diente sich "Baron von Frank" der Inquisition als Kronzeuge gegen den angeblich lästerlichen Talmud an. Die Juden würden Christen morden und ihr Blut in ihren rituellen Handlungen verwenden. Gleichzeitig wurde heimlich in den Gebetbüchern der frischgetauften Frankisten der Name Jesu durch den Jakob Franks ersetzt.

 

 

7. Christus und die Politik

Zumindest an einer Stelle findet sich in Reichs Analyse des Verhaltens von Christus ansatzweise jenes Element, das andere dazu führte, all die lebensfeindlichen Abscheulichkeiten des späteren Christentums bis auf Christus selbst zurückzuverfolgen: man gewinne, so schreibt Reich, den Eindruck, daß Christus "etwas zu fordernd, zu prinzipientreu war" (44:124). Dachte Reich an die "Mühlsteine", das Drohen mit ewiger Verdammnis, das Verfluchen ganzer Ortschaften?

Kaum, denn Reich tat alle unmenschlichen Elemente der Lehre Christi als spätere Verfremdung ab. Wie stichhaltig seine Interpretation ist, kann man am bereits erwähnten Giordano Bruno überprüfen, den Reich als eine Art zweiten Christus präsentiert.(11) Aus Christi Lebensart sei, so Reich, eine Religion der allumfassenden Liebe hervorgegangen, - das Christentum, welches jedoch leider vergessen habe, daß "Liebe" wirklich alle Arten von Liebe umfaßt, insbesondere aber die genitale Umarmung (44:180). Bruno habe in seiner Naturphilosophie diese Liebe Gottes wiederentdeckt und sei deshalb ebenfalls einem Christusmord zum Opfer gefallen (44:199).

Tatsächlich war Bruno alles andere als ein "Vertreter" der genitalen Liebe. Reich ahnte nicht, daß Bruno den Coitus reservatus verfocht. In seiner Lebensbeschreibung Brunos konstatiert der Autor Anacleto Verrecchia, er habe die Liebe "entsakralisiert" und sarkastische Breitseiten gegen das Schmachten der Verliebten gefeuert, die in den Himmel heben "jene Augen, jene Wangen, jenen Busen (...), jenen Schmollmund, jenes verwaiste Fenster, jene verfinsterte Sonne, jene Beklommenheit, jenen Ekel, jenen Gestank, jenes Grab, jenen Abort, jene Monatsblutung, jenen Kadaver, jene Malaria, jenen gewaltigen Betrug der Natur, die uns mit einer puren Äußerlichkeit, einem Schatten, einem Phantasiegebilde, einem Traum, einem nur der Fortpflanzung dienenden Zaubertrank der Circe durch die Erscheinung der Schönheit verführt." Verrecchia zitiert Bruno weiter: "Diese Schönheit (...) blüht und verwelkt im gleichen Augenblick. Und so ist äußerlich eine kleine Weile schön, was innerlich wahrhaft und dauerhaft ein Frachtschiff birgt (...) von soviel Schmutz und Gift, wie unsere stiefmütterliche Natur nur eben hervorbringen konnte. Wenn ihre Saat aufgegangen und die Ernte eingebracht ist, müssen wir oft mit Gestank, Reue, Traurigkeit, Unlust, Kopfschmerz, Müdigkeit und weiteren Übeln, die der ganzen Welt bekannt sind, zahlen. Letztlich wartet doch bitterer Schmerz, wohin uns die Süße lockt."

Verrecchia kommentiert Brunos Hohelied der Orgastischen Impotenz so, als würde Freud über Moses sprechen: "Alle heftigen und leidenschaftlichen Naturen wie Bruno haben diese verächtliche Haltung gegenüber der Sexualität, wenn sie in einem Zustand des erhobenen Geistes sind und die Erkenntnis die dämonische Kraft des Sexualtriebes überwiegt. Man lese etwa die äußerst profunde Metaphysik der Geschlechtsliebe von Schopenhauer (...)" (59:117f). In ihrem Buch Der Schatten des Dalai Lama stellen die Religionskritiker Victor und Victoria Trimondi Bruno sogar als "tantrischen" Modju dar, der (weibliche) Liebe manipuliert und in (männliche) Macht transformiert (58:309-315). Man lese dazu auch die Ausführungen in Die Massenpsychologie des Buddhismus.

Wenn sich aber Reich bei Bruno so fundamental geirrt hat, wie steht es dann um Christus selbst? Nun, ordnet man Sabbatai Zwi und Jakob Frank in den Christus-Typus mit ein, erscheint Reichs Aussage, daß Christus "alle Eigenschaften des genitalen Charakters" hat (44:81), weniger eindeutig, als sie auf den ersten Blick erscheint. Ohnehin geht die Orgonomie davon aus, daß der Genitale Charakter sehr viel mit dem Pestilenten Charakter gemein hat. Während der einfache Neurotiker typischerweise einen schwachen Willen hat, ein Zauderer ist, der sich dem Stärkeren unterwirft, sind sowohl der Genitale Charakter als auch der Pestilente Charakter durch eine Einheit und Harmonie ihrer Antriebe geprägt; beide haben einen starken Willen, beide sind energisch und besitzen eine genitale Struktur.

Das Charakteristikum des ersteren ist seine Orgastische Potenz, während der zweite unter einer extremen Orgastischen Impotenz leidet. Wie können da beide eine genitale Struktur haben? Dazu betrachte man den hysterischen Charakter, über den Reich schrieb, er hätte "seine Genitalität voll entfaltet, aber mit Angst besetzt" (47:313). Baker reiht den hysterischen Charakter sogar unter die genitalen Charaktertypen ein (Genitalität mit Angst) (3). Die Hysterikerin leidet also (trotz bzw. grade wegen ihrer genitalen Struktur) unter einer extremen Beckenblockierung - ähnlich wie auch Modju. Sowohl beim Genitalen Charakter als auch bei Modju ist die Genitalität energetisch besetzt; beim ersteren zur genitalen Entladung, beim letzteren zur totalen Blockierung eben dieser Entladung. Die Hysterikerin wird mit ihrer genitalen Energie durch Innervationen, Furchtsamkeit und das typische "provokante" hysterische Verhalten fertig - Modju durch sein "provokantes" pestilentes Verhalten.

Im Evangelium scheint die untergründige Einheit von Christus und Modju durch, wenn Jesus von seinen Landsleuten vorgeworfen wird, von einem bösen Geist geleitet zu sein, während er ihnen entgegenhalten muß, es wäre ein guter Geist (Mk 3,22-30). Ja, sogar das Wort "Christus" weist in diese Richtung, denn im Griechischen bedeutet "Christos" nicht nur "der Gesalbte", sondern auch "der Beschmierte, Übertünchte, mit Farbe bestrichene", also "der Falsche". Jesus hat sich vielleicht selbst treffend charakterisiert, als er zu den Pharisäern sagte: "Ihr Scheinheiligen! Ihr seid wie weiß gestrichene Gräber, die äußerlich zwar schön aussehen, aber drinnen ist nichts als Würmer und Knochen. So seid ihr: Von außen hält man euch für fromm, innerlich aber steckt ihr voller Heuchelei und Schlechtigkeit" (Mt 23,27f).

Reich präzisiert: "Im wirklichen Leben wechseln Liebe und Haß entsprechend der Situation. Das hat wenig mit dem ewigen, gleichmäßigen und falschen Ausdruck der Liebe im Gesicht und im Umgang zu tun, die der falsche Christ oft nach außen hin zeigt und innerlich vor Haß fast birst. Hier verdeckt falsche Liebe einen brutalen, mörderischen Haß. Es gibt keine grausamere menschliche Bestie als die nach außen hin ewig gleichmäßig gütige und liebende. Jeder faschistische Folterknecht und jeder perverse Lustmörder hat diese falsche Freundlichkeit im Gesicht, aber auch die glühenden, kleinen Augen mit dem stechenden Blick" (44:250). Einige der Jünger scheinen Jesus entsprechend durchschaut und daraufhin verlassen zu haben (Joh 6,66).

Überzeugende Analysen des pestilenten Verhaltens Jesu haben der amerikanische Psychiater Jay Haley (24) sowie der Journalist und ehemalige Dominikaner Hans Conrad Zander (62) geliefert. Haley zeigt in seiner psychologischen Durchdringung von Jesus dessen "Machtstrategie der Schwäche"; Jesu diabolische Meisterschaft in der Strategie durch Schwäche zu herrschen. Jesus sei, als größter Stratege der Menschen(ver)führung, ein Vorläufer der großen Demagogen. Von ihm hätten alle späteren Volksverführer gelernt. Haley beschreibt Jesus als Machtmenschen, als Ahnherren eines Lenin oder Hitler. Jesus habe die Strategie der "christlichen" Demagogen des 20. Jahrhunderts erfunden. Ans Kreuz kam er nur, weil er sich einmal verkalkulierte (24).

Für Zander ist Jesus einfach nur ein Ekelpaket wie jeder andere Guru auch. Er hält Jesus vor, den üblichen drögen sektiererischen Kitsch verbreitet zu haben. Die Stimmung, die Jesu Leben vermittele, "ist geprägt von Unruhe und Überstürzung, das untergründige Leitmotto ist eine satanische Einbildung von Größe und Macht" (62:33). Alles ist bei Jesus auf äußerste Dringlichkeit abgestimmt, alles muß rasch und sofort geschehen. Alles ist Unruhe und Überstürzung. Ganz "charakteranalytisch" geht es Zander weniger um die Botschaft Jesu ("Liebe"), sondern um das Wie; "das Wie ist eine schwer gereizte, vor keiner Einschüchterung und keiner Verfluchung zurückschreckende Aggressivität. Etwa nach dem Prinzip: Und willst Du nicht mein Bruder sein, so mußt du ewig in der Hölle brennen" (62:57).

Der Philosoph Gerhard Streminger führt aus, Jesus sei "gehässig, rachsüchtig und grausam". Mit Verweis auf Mt 10,28 zeigt er, daß die ganze "mittelalterliche" Schreckenstheologie, Gottesfurcht, Verdammnis, Strafgericht, Verfluchung, Hexen- und Ketzerbrennerei original Jesus ist. Jesu Botschaft strotze nur so von Gemeinheit, Ungerechtigkeit, Erbarmungslosigkeit, sadistischen Phantasien vor einem von Jesus gezeichneten Szenenbild, das von bösen und unreinen Geistern, der Hölle, dem Teufel und Satan geprägt sei. Außerdem führt Streminger an, daß es wohl kaum eine andere Lehre gibt so voller Verheißungen für Anhänger und so voller Drohungen gegenüber Andersdenkenden. Unmittelbar auf Jesus gehe die christliche Selbstgerechtigkeit zurück, die gelegentlich bis zum Größenwahn gesteigert ist (57:120-143).

Der Philosoph Hermann Schmitz geht ähnlich mit dem (synoptischen) Jesus zu Gericht. Beispielsweise ginge es Jesus um "indirekte Machtausübung durch Zugang zum Machthaber Gott im Immediatvortrag des Gebetes" (Mt 7,7-11; 18,19; 21,22; Mk 11,24; Lk 11,8f; 18,1-8; Joh 14,13; 15,7; 16,23) (52:40). Jesus verbreite Angst und Schrecken, indem er die Bedrohung durch das unmittelbar bevorstehende Jüngste Gericht dadurch zur Unerträglichkeit steigert, "daß nur wenige von den vielen, die er einberuft, Aussicht auf eine gnädige Entscheidung haben (Mt 22,14)" (52:43f).

Jesus verstehe sich "als Vorkämpfer in einem Krieg, der mit räuberischer Gewalt beiderseits zwischen dem Himmels- und Teufelsreich geführt wird: Er deutet seine Teufelsaustreibungen als Raubüberfälle auf den mächtigen Oberteufel, den er heimsucht, fesselt und ausraubt (Mt 12,28f; Lk 11,21f; 14,26)." Die Lage fordere die Mobilmachung und die Zerstörung jedweder gewachsenen Ordnung (Mt 10,34-36; Lk 12,51-53). Es gäbe keine Neutralität (Mt 12,30; Lk 11,23). Jesus fordere den Haß rücksichtslos entschlossener Fanatiker. Die Moral der Bergpredigt sei nur eine provisorische Moral, die durch einen grausamen Schlag gegen die Widersacher Jesu abgelöst werden wird. "Die Liebe zum Widersacher rechnet also beim synoptischen Jesus wie bei Paulus (Röm 12,19; 1 Thess 2,16) auf den aufgesparten Zorn beim folgenden Gericht." Schmitz schreibt weiter: "Den Kapitalisten, der in dem Gleichnis Lk 19,11-27 Gott bedeutet, läßt er ausrufen: 'Die Widersacher, die nicht wollen, daß ich über sie herrsche, führt hierher und schlachtet sie vor meinen Augen' (Lk 19,27). So hätte der Assyrerkönig sprechen können" (52:115-117).

Zander wirft Jesus im besonderen vor, auf Kosten von starken, unabhängigen Frauen gelebt (Lk 8,3) und sich ansonsten nur mit schwachen und kretinhaften Männern umgeben zu haben. Im ganzen Evangelium teilt und gibt Jesus nie, sondern als typischer Parasit nimmt er immer nur. Ja, er fordert für sich ungeheure Privilegien. Zander führt den Verdacht von Hermann Samuel Reimarus aus dem 18. Jahrhundert an, daß Jesu Jünger die Kirche nur gegründet hätten, um dessen parasitären Lebensstil fortsetzen zu können. Eine von Reichs Lieblingsstellen (Mt 25,1-12), die er in Christusmord gleich zweimal zitiert (44:70.276f), interpretiert Zander als die Sexphantasie eines eingebildeten und selbstherrlichen mediterranen Machos (62:73f). Überhaupt sei Jesus größenwahnsinnig gewesen.(12)

Jesus war nicht an religiöser Bekehrung interessiert, sondern an der Durchsetzung seines Machtanspruchs (Lk 4,16ff). Als aus seiner Bewegung die Luft raus und die Vereinskasse leer ist, macht sich der jämmerlich gescheiterte Seelenfänger zu einem letzten Kraftakt nach Jerusalem auf, um doch noch ganz groß rauszukommen (vgl. 62:113f). Er stellt sich als Vermittler zwischen Gott und seine Anhänger. "Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lk 23,34), ist kein Ausdruck von Demut, sondern die Anmaßung von Allwissenheit. Durch den Kreuzestod hindurch wollte Jesus, wenn man konsequent paulinisch denkt, zum Kyrios werden, als Herrscher zur Rechten Gottes sitzen: "Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Lebende und Tote" (Röm 14,9). Der Drang zur Machtakkumulation kommt in Jesu Wort zum Ausdruck: "Wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe" (Mt 13,12). Erst als sein Herrschaftsanspruch in Jerusalem am Kreuz zerschellte, wurde nachträglich die Versuchungsszene Lk 4,5-13 eingefügt, in der Jesus auf die Macht verzichtet. Aber es ist doch immerhin interessant was Jesu Versuchung ist: Macht und Größe! Etwas, was auf das Denken seiner Jünger abfärbte (Mk 10,35-37).

Jesu Wille zur Macht offenbart sich in den zwölf Jüngern, die über die zwölf Stämme Israels herrschen sollen, und den 72 Jüngern, die er aussendet (Lk 10,1-16), um den 72 Völkern der Welt vorzustehen. In ihrem Machtwahn sehen seine Jünger Jesus in einem von Blut bespritzten Kleid mit einem Heer auf weißen Rossen hinter sich, wie er ihre Widersacher im Blut ersäuft (Offb 19,13-19). Seine Jünger träumen von einem Tausendjährigen Reich, in dem sie über alles Lebendige herrschen werden (Offb 20,4), so wie sie zu seinen Lebzeiten schon von ihm Macht über die Dämonen erhalten hatten (Lk 9,1). Einst würden sie über die gesamte Menschheit und sogar über die Engel richten (1 Kor 6,2f).

Jesus macht seinen Jüngern grandiose Versprechungen über ihre Zukunft und stachelt so ihre Machtphantasien an (Mt 19,28), bis hin zur absoluten Freiheit von allen Gesetzen der Menschen und der Natur. Berge heben sich weg, wenn man nur will (Mk 11,23). Die Jünger baden in Selbstgefälligkeit. Revolutionäre Umstürzler verleihen ihren Anhängern das Gefühl, eine Elite zu sein, so auch, und zwar bis ins äußerste Extrem, bei Jesus (Mt 13,11; 18,18). Die Spreu wird vom Weizen getrennt und die Anhänger dürfen sich als einmalig empfinden.

Haley zufolge ist es vorbildhaft für jeden Volksaufwiegler, wie sich Jesus an die Jugend wendet. Bei seinem Auftritt in Jerusalem stachelt er die "Kinder" (die revolutionslustigen Halbwüchsigen) an und predigt ihnen in totaler Verantwortungslosigkeit die bevorstehende eschatologische Revolution (Mt 21,10-16). Schon vorher hatte er sich an die Jugend gewendet (Mt 10,34-39) und die alten Autoritäten verächtlich gemacht (Mt 5,20). Richtungsweisend für seine Nachfolger Lenin und Hitler ist auch, wie Jesus von seinen revolutionären Kadern die Trennung von der Familie verlangt; sie sollen nur ihm gehören (Mt 10,37). Der Führer bietet sich als ein weniger strenger Vater an (24).(13)

Nur vor dem zürnenden Vatergott der Juden kann die Milde Jesu wirken und er sich so bei der Jugend einschmeicheln. Doch wie jeder andere Revoluzzer nach ihm ist Jesus dann schließlich doch viel rigider als das Establishment. Seine widergöttlichen Begierden soll man erbarmungslos mit Stumpf und Stil herausreißen (Mk 9,43-48). Vom individuellen Körper ist dann nur ein Schritt zum Körper der Gesellschaft, d.h. zur Inquisition, zum Gulag und zu Auschwitz. Daß die Drewermänner uns ausgerechnet Jesus als therapeutisches Genie und Vorgänger (eines idealisierten) Freuds verkaufen wollen, ist der reine Hohn. Er, dessen einzige Therapie das Hackbeil war: "Wenn dich deine rechte Hand verführen will, dann hau sie ab und wirf sie weg!"

Jesus vermittelt Kadergeist und Einheit von Führer und Gefolgschaft (Mt 10,40-42). Wie jeder Sektenguru beschwört er den Druck von außen, der die Gruppe nur noch enger aneinander bindet (Mt 10,16f.21f). Er erzeugt ein krasses kompromißloses Feindverhältnis: wer nicht für mich ist, ist wider mich (Mt 12,30). Er polarisiert und richtet dabei ganze Ortschaften, die nicht auf seine getürkten Wunder hereingefallen sind (Mt 11,20-24; Mk 6,11) und selbst das ganze Universum (Mt 18,7). Er predigt die Apokalypse und die endgültige Vernichtung der Feinde (Mt 13,38-40). Nur gut, daß es damals noch kein Sarin gab!

Seinen Jüngern hämmert er Schuldgefühle und Sündenbewußtsein ein. Ständig bezweifelt er die Gefolgschaft und bindet sie so nur um so fester an sich (Mt 7,21-23). Er geht soweit, seinen engsten Jünger als "Satan" zu bezeichnen (Mt 16,23). Die Erfüllung der Gebote der Bergpredigt ist derartig unmöglich, daß nur noch die völlige Unterwerfung unter das Erbarmen des Führers bleibt: die Gnadentheologie des Christentums.

 

 

8. Der "widersprüchliche" Jesus

Was immer man von Jesus halten mag, immerhin ist, jenseits des Inhalts, die Form von Jesu Rede objektiv bemerkenswert. Vergleicht man nämlich das Neue mit dem Alten Testament, fällt auf, daß sich Jesus in Gleichnissen ausdrückt; "nichts sagte er ihnen, ohne Gleichnisse zu gebrauchen" (Mt 13,34). Im Gegensatz zu seinem Propagandisten Paulus zwingt er niemandem Lehrsätze auf. Vielmehr ist seine Lehrweise geradezu als "arbeitsdemokratisch" und "funktionell" zu bezeichnen. Indem der Zuhörer nicht an den Einzelheiten kleben bleibt (was wirklich jedes Gleichnis ad absurdum führen würde, da "jeder Vergleich hinkt"), sondern das Ganze des Gleichnisses zu erfassen versucht, kann er sich den Sinngehalt selbständig veranschaulichen, ohne daß ihm etwas fremdes aufgezwungen wird. Daß die Art der Vermittlung mit dem Inhalt der Botschaft übereinstimmt, ist am Gleichnis vom Bauern ersichtlich, der sät und dann ruhig bis zur Ernte wartet (Mk 4,26-29).

Seit Paulus haben die Theologen versucht, diesen autonomen Erkenntnisprozeß "zwischen Aussaat und Ernte" zu hintertreiben. Es mag stimmen, daß sich die Kirche immer scharf dagegen verwahrt hat, einzelne Aussagen Jesu aus dem Zusammenhang herauszulösen. Nur "das Wort" in seiner Gesamtheit gilt. Leider hat sie umgekehrt für sich selbst nie erkennen wollen, daß damit auch ihrer Dogmatik der Boden entzogen ist. Man kann "das Wort" Jesu nicht zum Dogma erstarren lassen, ohne es zu töten.

Der "christlich-esoterische" Schriftsteller Alfons Rosenberg spricht davon, daß die Theologen die Spannung im Worte Jesu nicht hätten ertragen können und daß sie deshalb nach Eindeutigkeit gesucht hätten, wodurch die Botschaft Jesu einseitig und falsch interpretiert worden sei. Das führte zur Erstarrung des Evangeliums. Die Frohe Botschaft hat sich so in ihr Gegenteil verkehrt. Sie wurde zu einem neuen Gesetz, das zum Tode führte - nicht nur im übertragenen Sinne. Genau wie Reich spricht Rosenberg davon, man könne Jesus erst dann verstehen, wenn man das "Sitzen" aufgäbe und in das dynamische Leben eintaucht, wie man es in den Gleichnissen Jesu findet. "Schon viele haben sich beklagt, daß Jesus so widersprüchlich sei, daß er die letzten Geheimnisse verhülle und vordergründig in sprichwortartigen Sentenzen spreche. Wie diese Widersprüche vereinen? Indem man mit ihm wandert und so erfährt, was er selber erfahren hat. Nur wo Widerspruch und Gegensatz ist, wirkt Wahrheit. Der 'widersprüchliche' Jesus ist uns heute näher als der theologisch harmonisierte" (51).

Bei Jesus fehlt jede einengende, dogmatische Eindeutigkeit. Vermeintlich unzweideutige Forderungen, wie die der Bergpredigt, sind unerfüllbar oder schlicht absurd. Seine Auslegung des jüdischen Gesetzes ist paradox, denn er stellt es gerade dadurch auf den Kopf, indem er es verschärft und es allzu wörtlich nimmt. Jesus setzt Dinge gleich, die sich nicht vereinbaren lassen; "aber für Gott ist nichts unmöglich" (Mt 19,26). In seiner Begriffswelt wird dem gegeben, der alles hat, doch dem genommen, der nichts hat. Da verliert der sein Leben, der es gewinnen will, aber der, der es verliert, gewinnt es. Da muß einer der letzte sein, wenn er erster sein will (Mk 4,25; 8,35; 9,35).

Rosenberg spricht davon, Jesu habe in Paradoxien gesprochen, um keine neuen Gesetze an Stelle der alten zu setzen, sondern im Gegenteil von ihnen zu befreien. "Diese paradoxale Struktur seiner Weisungen hat eine Doppelbödigkeit des Sinnes zur Folge, die aufzulösen und auf einen Nenner zu bringen sich christliche Schriftgelehrte seit beinahe 2000 Jahren vergebens bemüht haben. Jesus hat unwiderruflich aufgedeckt und festgestellt, daß Wahrheit nur durch Widerspruch, durch die Ausspannung des Gegensatzes in Erscheinung tritt" (51).

Selbst innerhalb einzelner Sätze arbeitet Jesus ständig mit der "Ausspannung des Gegensatzes". Wie der berühmte Neutestamentler Joachim Jeremias feststellt, ist Jesu Rede durch und durch vom "antithetischen Parallelismus" geprägt (26). Neben eindeutigen Antithesen wie z.B.: "Ich soll nicht die in Gottes neue Welt einladen, bei denen alles in Ordnung ist, sondern die ausgestoßenen Sünder" (Mk 2,17), oder: "Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für alle Menschen hinzugeben" (Mk 10,45), findet sich in den synoptischen Evangelien der antithetische Parallelismus 138 mal, wenn man die Parallelstellen nicht mitzählt.(14) Wenn Jesus den antithetischen Parallelismus benutzt, liegt der Akzent immer auf der zweiten Aussage, was ein persönliches Merkmal der Rede Jesu gewesen zu sein scheint. Nach dem Muster: "Man kümmert sich um den Splitter im Auge des Bruders, aber bemerkt nicht den Balken im eigenen Auge" (Mt 7,3). Im Alten Testament und im Talmud liegt der Akzent meist auf der ersten Aussage. Und während hier der antithetische Parallelismus nur ganz selten auftaucht, macht er bei Jesus das innerste Wesen seines Wortes aus.

Jesu Denken ist also von Grund auf durch das Denkmuster These-ANTITHESE geprägt. Es ist dialektisches Denken. Es ist ein Denken, aus dem Hegel seine dialektische Methode schöpfte! Jedenfalls hat der Hegel-Spezialist Werner Hartkopf aufgezeigt, wie Hegel (im Anschluß an Fichte und Schelling) die dialektische Methode in seinen "theologischen Jugendschriften" aus der "Lehre Jesu" herausentwickelt hat. Diese Lehre interpretierte Hegel als den Versuch, die verlorengegangene Einheit von Göttlichem und Menschlichem wiederzugewinnen. So war für ihn das Urchristentum eine "durchgängig und grundlegend dialektische Anschauung vom Menschen in der Welt und von der Funktion, die der Religion als dem Ausdruck eines Strebens nach der vollen Wiedereinfügung des Menschen in das gesamte Sein und Geschehen gemäß dieser Weltanschauung eignet" (25).

In einem ähnlichen Licht stellt sich das Denken des einflußreichen katholischen Theologen und Philosophen Romano Guardini (1885-1968) dar. Mit kirchlicher Druckerlaubnis brachte er erstmals 1925 sein Buch Der Gegensatz (23) heraus. Schon der Untertitel "Versuch einer Philosophie des lebendig Konkreten" zeigt Guardinis (unmittelbar aus Jesus schöpfende) Nähe zum Orgonomischen Funktionalismus.

Als "Gegensatz" bezeichnet Guardini jenes Verhältnis, "in dem jeweils zwei Momente einander ausschließen, und doch wieder verbunden sind, ja (...) einander geradezu voraussetzen" (23:30). Im Unterschied zum Widerspruch, den nichts Gemeinsames verbindet, versteht Guardini unter "Gegensatz" eine lebendige Einheit, die nur in der Relation der Elemente des "Gegensatzes" existieren kann. Als Beispiel für derartige Gegensatzpaare führt er folgendes an: Akt/Bau, Fülle/Form, Einzelheit/Ganzheit, Produktion/Disposition, Ursprünglichkeit/Regel, Immanenz/Transzendenz, Ähnlichkeit/Besonderheit, Zusammenhang/Gliederung (23:99).

Derartige Gegensatzpaare bilden für Guardini das lebendige Ganze. Wobei sich das lebendige Ganze aber nicht aus den beiden Momenten zusammensetzen läßt. Es liegt auch keine Mischung der beiden Momente vor, noch handelt es sich beim lebendig Ganzen um ein Drittes, in dem beide Momente "aufgehoben" sind. Vielmehr kann das "lebendig Konkrete" als zweiseitiges nur in diesen beiden Momenten sein. Aber trotzdem das lebendig Konkrete immer zweiseitig ist, bleibt es doch selbst Eines, "das mehr ist als jede der Seiten; mehr auch als Summe aus ihnen; das aus ihnen überhaupt nicht abgeleitet werden kann" (23:91). Guardini spricht davon, daß die gegenseitige Ausschließung der beiden Momente des "Gegensatzes" nicht bis auf die Wurzel geht (23:29). So könnten wir sein Denken, welches beispielsweise auch ausdrücklich vom "strömenden Weltpneuma" handelt, durchaus mit dem Symbol von Reichs Orgonomischen Funktionalismus beschreiben! (siehe auch Orgonometrie).

Daß Guardini keine Ausnahmeerscheinung ist, sondern diese Tiefe das gesamte christliche und insbesondere katholische Denken durchdringt, sieht man beispielsweise an Gilbert Keith Chestertons Geschichten über "Pater Brown", dem wohl "charakter-analytischten" aller Detektive. Neben Chesterton gab es viele weitere große Denker, die zum Katholizismus übergetreten sind. Menschen, auf die Reich große Stücke hielt: Alfred Döblin, der Autor von Berlin Alexanderplatz; Gustav Mahler; August Strindberg, der über Swedenborg zu einem katholisch gefärbten Mystizismus gelangte; Henri Bergson, der am Ende seines Lebens nur aus Solidarität mit den Juden nicht zum Katholizismus konvertiert ist; - die Reihe ließe sich fortführen.

Reich selbst bekannte 1952 im Interview mit Kurt Eissler: "Während Freud im Judentum befangen war, war ich frei davon. Ich sympathisierte eher mit der christlichen Gedankenwelt und dem Katholizismus. Nicht, daß ich sie gutheiße oder daran glaube. Ich glaube nicht an diese Dinge.(15) Aber ich verstehe sie gut. Die Christen haben die tiefste Perspektive, die Kosmische. (...) die Geschichte des Christentums interessiert mich sehr. (...) Christus (...) kannte die Lebensenergie" (46:62f).

 

 

Literatur

  1. Arnold, C.: "Sex-Economy: A Theory of Living Functioning" International Journal of Sex-Economy and Orgone Research, III(1), March 1944
  2. Bakan, D.: Sigmund Freud and the Jewish Mystical Tradition, Princeton, NJ, 1958
  3. Baker, E.F.: Der Mensch in der Falle, München 1980
  4. Die Bibel ("Lutherbibel"), Stuttgart 1965
  5. Die Bibel in heutigem Deutsch ("Einheitsübersetzung"), Stuttgart 1982
  6. Biedermann, H.: Die Großen Mütter, München 1989
  7. Borneman, E.: "Aufstieg und Fall des Wilhelm Reich" Warum, Oktober 1981
  8. Borneman, E.: "Wilhelm Reich: Entdecker und Opfer im Reich der Sexualität" (Tondokument) Radio Bremen 2, 27.3. 1997
  9. Braun, H.: Jesus der Mann aus Nazareth, Gütersloh 1988
  10. Brumlik, M.: Deutscher Geist und Judenhaß, München 2002
  11. Carotta, F.: War Jesus Caesar? , München 1999
  12. Ceming, K., J. Werlitz: Die verbotenen Evangelien, Augsburg 1999
  13. dtv Wörterbuch der Kirchengeschichte, München 1982
  14. Flasch, K.: Das philosophische Denken des Mittelalters, Stuttgart 1986
  15. Franck, S.: Paradoxa, (Ost-)Berlin 1966
  16. Freud, E.L. (Hrsg.): Sigmund Freud. Arnold Zweig. Briefwechsel, Frankfurt 1984
  17. Freud, S.: "Der Moses des Michelangelo", In: Studienausgabe Bd. 10, Frankfurt 1969
  18. Freud, S.: Der Mann Moses und die monotheistische Religion, In: STUDIENAUSGABE Bd. 9, Frankfurt 1974
  19. Fricke, W.: Strafrechtlich gekreuzigt, Buchschlag 1986
  20. Graetz, H.: Volkstümliche Geschichte der Juden VI, München 1985
  21. Grundmann, H.: Religiöse Bewegungen des Mittelalters, Darmstadt 1961
  22. Grundmann, H.: Ketzergeschichte des Mittelalters, Göttingen 1963
  23. Guardini, R.: Der Gegensatz, Mainz 1955
  24. Haley, J.: Die Jesus-Strategie, Weinheim 1990
  25. Hartkopf, W.: Der Durchbruch zur Dialektik in Hegels Denken, Meisenheim 1976
  26. Jeremias, J.: Neutestamentliche Theologie, Erster Teil: Die Verkündigung Jesu, Gütersloh 1971
  27. Keel, O., M. Küchler: Synoptische Texte aus der Genesis, Fribourg 1971
  28. Kirchhoff J.: Bruno, Reinbek 1980
  29. Landmann, S.: Jesus und die Juden, München 1987
  30. Levinson, N.P.: Der Messias, Stuttgart 1994
  31. Lewis, N.: Die Missionare, Stuttgart 1991
  32. Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg 1958
  33. MacDonald, D.R.: The Homeric Epics and the Gospel of Mark, New Haven 2000
  34. Marx, K.: Die deutsche Ideologie, In: FRÜHE SCHRIFTEN, Zweiter Band, Darmstadt 1971
  35. Nigg, W.: Das ewige Reich, Zürich 1944
  36. Nigg, W.: Heimliche Weisheit, Zürich 1957
  37. Nigg, W.: Das Buch der Ketzer, Frankfurt 1962
  38. Ollendorff, I.: Wilhelm Reich, München 1975
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  47. Reich, W.: Charakteranalyse, Köln 1989
  48. Reich, W.: Menschen im Staat, Frankfurt 1995
  49. Reich, W.: Das ORANUR-Experiment (II) , Frankfurt 1997
  50. Reichelt, W.: Das Braune Evangelium, Wuppertal 1990
  51. Rosenberg, A.: Jesus der Mensch, München 1986
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  53. Schröter, M.: "Manichäische Konstruktion" Psyche, Feb. 1998
  54. Smith, M.: Auf der Suche nach dem historischen Jesus, Frankfurt 1974
  55. Stern, J.P.: Der Führer und das Volk, München 1978
  56. Stirner, M.: Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart 1981
  57. Streminger, G.: "Die jesuanische Ethik", In: Edgar Dahl (Hrsg.): Die Lehre des Unheils, Hamburg 1993
  58. Trimondi, V., V. Trimondi: Der Schatten des Dalai Lama, Düsseldorf 1999
  59. Verrecchia, A.: Giordano Bruno, Wien 1999
  60. Weiler, G.: Das Matriarchat im Alten Testament, Stuttgart 1989
  61. Zahrnt, H.: Jesus aus Nazareth, München 1987
  62. Zander, H.C.: Ecce Jesus, Reinbek 1992

 

 


Fußnoten

(1) Später werden wir sehen, daß es zum innersten Wesen der Christus-Gestalt gehört, daß sie mit zwei in wirklich jeder Hinsicht gegensätzlichen, ja, sich wechselseitig ausschließenden, Charakteren gleichgesetzt werden kann.

(2) Natürlich stellt Reich Christus ausdrücklich gegen Cäsar, Napoleon und Hitler (44:208). In Menschen im Staat beschreibt er, wie die Massen die "Korporale" Napoleon und Hitler zu "Kaisern" machen (48:30). Das gleiche hätte er vom allerersten Kaiser, Cäsar, sagen können.

(3) Übrigens wird hier deutlich, wie sich Freud zu Reichs Vegetotherapie gestellt hätte!

(4) Vorausgesetzt Bornemann hat die Geschichte nicht frei erfunden. Aber selbst dann zeigt sie, wie die Figur Reich von "aufgeklärten" Geistern empfunden wurde.

(5) Man denke nur daran, welche Rolle der spätere Nationalsozialist C.G. Jung bis 1913 für Freud spielen sollte. Siehe die Besprechung von Reich & Jung.

(6) Im folgenden werden, soweit nicht anders angeführt, alle Bibelstellen nach der "Einheitsübersetzung" (5) zitiert.

(7) In Gichtels sophianischer Mystik finden wir die klarsten Belege für Reichs in der Massenpsychologie des Faschismus dargelegte These, daß sich hinter dem religiösen Erleben, von der einfachsten Hingebung bis zur religiösen Ekstase, eine sexuelle Erregung verbirgt. Wohl versucht der religiöse Mensch durch Mystifizierung den sexuellen Charakter dieser Gefühle zu negieren, aber das sexuelle Element bricht doch immer wieder hervor. So ist die religiöse Gefühlserregung antisexuell und gleichzeitig Sexualitätsersatz (42).

(8) Der Zisterzienser-Abt Joachim (ca. 1130-1202), Gründer des Klosters von Fiore, hatte das Dogma von der Dreifaltigkeit Gottes in eine Lehre von den drei Zeitaltern umgeformt: die des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Genau wie das Alte Testament durch das Neue Testament abgelöst worden war, sollte an dessen Stelle ein "Ewiges Testament" treten, das das Dritte Zeitalter einleitet (35).

(9) Umgekehrt war wohl auch die Eulenspiegel-Gestalt von Anfang an als eine Art Christus angelegt. Der Thyl Ulenspiegel DeCosters, der bei Reich immer wieder auftaucht, ist jedenfalls ganz unverhohlen eine antikatholische Christusgeschichte. Dies geht so weit, daß Thyl am Ende des Romans vergraben wird und nach drei Tagen "aufersteht".

(10) In diesem Sinne war auch der "unkoschere" Jesus ein jüdischer Messias. "Obwohl es hermeneutisch nicht unproblematisch ist, rabbinische Überlegungen, die zwei bis drei Jahrhunderte nach Jesus angestellt wurden, auf seine Zeit zurückzubeziehen, soll darauf hingewiesen werden, daß zumindest einige rabbinische Stimmen die Geltung der Tora nur bis zur Ankunft des Messias terminierten: 'Raw Joseph sagte: In der Zukunft, die da kommt, hören die Gebote auf'* (10:205). *bN idda 61b

(11) Reichs Parallelsetzung von Bruno und Christus ist von vornherein abwegig, denn Bruno war einer der wenigen, die Jesus wirklich gehaßt haben. Deshalb war er vielleicht der einzige namhafte Ketzer (die ja praktisch durchweg gläubige Christen waren), der aus christlicher Sicht zu recht verbrannt wurde. Er hatte Jesus unter dem Code-Namen "Orion" verflucht und mit abgrundtiefer Verachtung überschüttet, als billigen Gaukler, der sich selbst zum höchsten Gott gemacht und damit die Natur entgöttlicht habe. Jesus war für ihn ein Magier und Betrüger, der alles in Verwirrung gebracht, das Unterste zuoberst verkehrt habe, ein Verdreher der natürlichen Ordnung, ein Mensch "von niedrigster und gemeinster Natur und Denkart" (28).

(12) Ich finde, wenn man sich Jesu Verhalten plastisch vorstellen will, sollte man David Koresh betrachten, der in Waco, Texas sein Leben nach dem Vorbild Jesu inszenierte.

(13) Daß der Vergleich zu den großen revolutionären Führern und Bewegungen des 20. Jahrhunderts nicht an den Haaren herbeigezogen ist, sondern dem Wesen des Christentums eigen ist, zeigt ein Blick auf die praktische Missionstätigkeit der Jesus-Jünger. Amerikanische Missionarssekten bekehren beispielsweise Indiostämme in Amazonien, indem sie sich jene Stammesmitglieder aussuchen, die aus irgendeinem Grund im Stamm ein schlechtes Ansehen haben und randständig sind. Ihnen predigen sie, daß zumindest "Jesus sie liebt" und versetzen sie durch Geschenke in einen höheren sozialen Status. So haben sie eifrige Missionare etabliert und langsam aber sicher wird der ganze Stamm "sozial-revolutionär" von unten her aufgerollt (31).

(14) Im Johannes-Evangelium 30 mal, doch eignet sich diese Zahl deshalb nicht zum Vergleich, weil sie, Jeremias zufolge, durch den "johanneischen Dualismus" mitbestimmt ist (26).

(15) Ilse Ollendorf berichtet, daß Reich ohne religiöse Feierlichkeit beerdigt werden wollte; "nur die Schallplatte mit Schuberts Ave Maria, von Marian Anderson gesungen, sollte abgespielt werden" (38:201).


zuletzt geändert
18.04.06

 

 


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